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Open Access : Droht Wissenschaftlern der Zwang zum Selbstverlag?

Läuft das Gesetz nicht auf eine Einschränkung der Publikations- und damit der Wissenschaftsfreiheit hinaus? Die Dekane der Eberhard-Karls-Universität Tübingen sehen Rechtsprobleme Bild: dpa

Der Gesetzentwurf für Baden-Württembergs Hochschulen will die Wissenschaftler zu Open Access zwingen. Das wirft aber nicht nur neue grundrechtliche Fragen auf.

          Das Argument scheint einfach. Wissenschaftler an Hochschulen und Universitäten werden vom Steuerbürger bezahlt. Also sollte alles, was sie an Erkenntnissen hervorbringen, auch öffentlich zugänglich sein. Wenn Bibliotheken aber die Publikationen der Forscher in Form von Zeitschriftenaufsätzen und Monographien erwerben - und zum Teil recht kostspielig -, dann zahlt der Staat gleich zweimal: für die Hervorbringung und für die Endfassung der Erkenntnis. Überdies sind nicht alle Bibliotheksbestände für jedermann leicht zugänglich. Da es nun aber eine Technologie gibt, die leichte Zugänglichkeit ohne Reise- und Kopierkosten ermöglicht, warum sollte man dann die Wissenschaftler nicht dazu verpflichten, sich ihrer zu bedienen?

          Das neue baden-württembergische Hochschulrecht folgt diesem Argument. Sein Entwurf, der gerade dem Parlament vorgelegt wurde, enthält einen Passus, der das Publizieren von staatlich angestellten Wissenschaftlern im Internet betrifft. Er verpflichtet die Forscher, sich bei allen Aufsätzen, in die „im Rahmen ihrer Dienstaufgaben“ gewonnene Erkenntnisse eingehen, gegenüber den Verlegern von Zeitschriften oder Sammelbänden eine nichtkommerzielle Sekundärverwertung vorzubehalten. Alle solche Artikel sollen sechs Monate nach ihrem Erscheinen auf landeseigenen Dokumenten-Servern zugänglich sein.

          Schon vor der Publikation längst in der Welt

          Dagegen erhebt sich nun Widerstand von Wissenschaftlern. Ein offener Brief baden-württembergischer Hochschullehrer an die Ministerin Theresa Bauer (Die Grünen) weist auf Nachteile hin, die der Forschung in Baden-Württemberg dadurch entstünden. Eine ganze Reihe großer Wissenschaftsverlage werde nämlich absehbarerweise diesen Vorbehalt der Zweitverwertung nicht anerkennen. Denn wer kauft noch eine Zeitschrift, wenn die Freikopie bald im Netz zugänglich ist? Lehnen die Zeitschriften aber die Zweitverwertung ab, würden die baden-württembergischen Forscher bei ihnen nicht mehr publizieren können. Das wiederum, so der offene Brief, werde insbesondere Nachwuchsstellen an den Universitäten des Bundeslandes unattraktiv machen, da international wirksame Zeitschriften besonders für jüngere Forscher karriereentscheidend sind.

          Für einen realistischen Blick auf das Problem sind hier die Zeithorizonte wichtig. Die Publikation in Zeitschriften dient längst nicht mehr in erster Linie dem wissenschaftlichen Austausch. Die Forschung ist derart spezialisiert, dass die Wissenschaftler mit denjenigen, die für sie als Kollegen im engeren Sinne zählen, lange vor der Druckfassung von Aufsätzen deren Manuskripte diskutiert haben. Die Erkenntnis als solche ist oft längst - in Gestalt von Preprints, pdf-Dateien auf Websites der Forscher, Discussion papers - in der Welt, bevor sie publiziert wird. Das gilt jedenfalls für viele Fächer. In anderen ist aus Gründen der Konkurrenz Geheimhaltung wichtiger (etwa bei ganzen Labors) und die Publikation mit Überraschungsaspekten verbunden.

          Ein nichtkommerzielles Zweitverwertungsrecht

          Die Zeitschriften-Publikation erfolgt im einen wie im anderen Fall Monate oder Jahre nach der Forschung. Sie dient insofern oft mehr als offizielle Anerkennung der Erkenntnis, als Nachweis, geforscht zu haben, und, je nach Ansehen der Zeitschrift, als Signal, es besonders erfolgreich getan zu haben. Dazu bedarf es der Reputation von Gutachtern und Zeitschriften. Reputationsaufbau aber kostet Zeit, Arbeit, Geld. Vor allem Letzteres führt Verlage dazu, die Zweitverwertungsrechte abzulehnen. Sie möchten mit ihren Zeitschriften auch gern das einzige „Archiv“ der jeweiligen Erkenntnisse sein; obwohl es, nebenbei gesagt, für Interessierte nie schwer ist, von einem Forscher per E-Mail Dateien seiner Publikationen zu bekommen.

          Umgekehrt argumentiert die Politik: In Bibliotheken sind die Zeitschriften frei einsehbar, warum also nicht - mit gewissem Zeitabstand - Kopien oder Fassungen davon auch im Netz? Mehreren Expertenkommissionen folgend, hat der Deutsche Bundestag mit Wirkung vom 1. Januar dieses Jahres eine Neufassung des Urheberrechts dahin gehend beschlossen, dass der Autor eines wissenschaftlichen Beitrags, der im Rahmen einer mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungstätigkeit entstanden und in einem Periodikum erschienen ist, nach Ablauf eines Jahres in jedem Fall ein nichtkommerzielles Zweitverwertungsrecht für seine Manuskriptversion besitzt. Ganz gleich, was mit der jeweiligen Zeitschrift vereinbart worden ist. Hier also Freiwilligkeit, außerdem ein „moving wall“ von zwölf Monaten sowie ein Kriterium dafür, wann der Anspruch des Steuerzahlers gegenüber den Verlagen greifen soll.

          Eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit?

          Letzteres scheint im baden-württembergischen Gesetzentwurf unklar. Die Unterscheidung von Erkenntnissen, die im Rahmen von Dienstaufgaben gewonnen wurden, gegenüber anderen ist wolkig. Betrifft sie nur solche Einsichten, die mittels landeseigener Apparaturen erzielt wurden? Wer will den Nachweis führen, ob die erzähltheoretischen Erkenntnisse des Konstanzer Germanisten im Rahmen von Dienstaufgaben entstanden sind oder nicht verlangbarer Zusatzarbeit entsprangen? Und die Lyriktheorie des Emeritus aus Stuttgart, muss sie, weil er einst Dienstaufgaben hatte, nun auch zwangsläufig auf dem Universitätsserver plaziert werden?

          Über alle diese Fragen hinaus stellt sich die, ob das Gesetz nicht auf eine Einschränkung der Publikations- und damit der Wissenschaftsfreiheit hinausläuft. Eine Stellungnahme der Dekane der Eberhard-Karls-Universität Tübingen gegenüber dem Ministerium, die der F.A.Z. vorliegt, weist auf solche Rechtsprobleme hin. Und weder von Stuttgart noch von Tübingen aus ist es weit nach Karlsruhe.

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