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Online-Kurse für alle : Die Globalisierung der Lehre

„Die Studierenden wünschen sich ja heute schon Filme der Standardvorlesungen“, erzählt Bernd Huber, Präsident der LMU. Coursera ist für ihn ein Ansatz, der dem Lernverhalten der jungen Leute entgegenkommt. Doch auch bei uns weichen die Interessen der Studenten, der Dozenten und der Universitäten beim Thema Online-Kurse voneinander ab. Die Technische Universität München hat hierzu gerade erst ihre Dozenten und Studenten befragt. Das Ergebnis: Während den Studenten daran liegt, möglichst uneingeschränkt auf das Material zugreifen zu können, ist den Dozenten wichtig, dass die Inhalte nach einiger Zeit wieder aus dem Netz genommen werden und nicht ohne weiteres heruntergeladen werden können. Ohnehin gehen viele Dozenten auf Nummer Sicher, wenn ihre Vorlesungen aufgezeichnet werden – sei es im Hörsaal oder eigens für Online-Kurse: Sie verzichten auf illustrierende Anekdoten oder Gedankenspiele und bleiben lieber auf gesichertem Terrain.

Aufwand gegen Unverbindlichkeit

Für eine Stunde fertigen Lehrmaterials rechnet man in der TUM mit zehn Stunden Aufwand, die auf den Dozenten und die Techniker zukommen. Der Betreuungsaufwand hängt natürlich von der Anlage des Kurses und der Teilnehmerzahl ab. Immerhin ist an der Hochschule ein Ausgleich für diese zusätzliche Arbeit möglich: „Die TUM“, erläutert ihr Vizepräsident Pongratz, „bietet Dozierenden Freisemester für die Arbeit an innovativen Lernkonzepten, auch für die Arbeit an MOOCs.“ Für Tobias Kretschmer von der LMU ist wichtig, dass der Großteil der Arbeit für jeden Online-Kurs nur einmal anfällt: „Die Kurse sind durchaus wiederholbar, die Bausteine sind ja da. Man muss nur die Interaktionsteile löschen und das Ganze neu aufsetzen. Die Input-Sequenzen nehmen wir natürlich nicht nur für einen einzigen Einsatz auf.“ Er sieht die Online-Kurse als Herausforderung: „Wer hier an der Uni meine ,Grundlagen der BWL‘ nicht hört“, sagt er, „kommt nicht durchs Studium. Bei Coursera hören die Leute einfach auf, ich muss schon schauen, wie ich sie bei der Stange halte.“

Nachlassende Aufmerksamkeit, gar fallende Teilnehmerzahlen erfährt der Dozent sofort, die Gründe dafür womöglich nie. Auch hier ist das Internet ein Ort der Unverbindlichkeit, gerade bei kostenlosen Angeboten. Oder er schmeißt, wie Mitte Februar Richard A. McKenzie, Emeritus der University of California in seinem Kurs „Microeconomics for Managers“, entnervt das Handtuch, weil er die stetige Kritik an seiner Art, den Kurs zu leiten, leid war.

Aus einer anderen Welt

Ohnedies macht es die Konstruktion der MOOCs den Teilnehmern nicht nur einfach, bei ausreichend leistungsfähiger Internetverbindung akademische Angebote aus der ganzen Welt zu nutzen, sondern auch, sich von ihnen wieder abzuwenden. „Die meisten der Kurse, die ich belege“, erzählt ein Teilnehmer, „sind eigentlich eine Nummer zu groß für mich. Meistens schaffe ich die Aufgaben knapp, aber wenn ich merke, dass es gar nicht geht, höre ich einfach wieder auf.“

Eine, die sicher weitermachen wird, ist hingegen Khadija Niazi aus Lahore in Pakistan. Erst vor wenigen Wochen schwärmte sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos von den Kursen, die sie bei Coursera und Udacity belegt, einer ebenfalls in Stanford entwickelten MOOC-Plattform, an deren Entstehung der deutsche Entwickler Sebastian Thrun beteiligt ist, der auch an der Entwicklung von Google Glasses und dem selbstfahrenden Auto beteiligt ist. Seit neuestem begeistert sich Khadija Niazi für Astrobiologie, Ufos faszinieren sie, und sie möchte später einmal Physikerin werden. Dank ihrer Erfolge auf den beiden Online-Kurs-Plattformen dürfte sie es nicht allzu schwer haben, einen Studienplatz zu finden. Später einmal. Khadija Niazi ist zwölf Jahre alt.

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