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Odenwaldschule : In weiter Ferne oder zu nah

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Bernhard Bueb Bild: Daniel Pilar

Schüler in St. Blasien, Lehrer und Erzieher an der Odenwaldschule, von 1974 bis 2005, dann Leiter der Schule Schloss Salem: Bernhard Bueb schildert, warum ihm die drei Internate Glück bereiteten und weshalb er für mehr Distanz zwischen Schülern und Lehrern eintrat.

          Was war das Geheimnis meines Glücks? Ich kam als Schüler von einem baden-württembergischen Gymnasium nach St. Blasien, Schulangst war mein täglicher Begleiter gewesen, ich hatte jahrelang vergeblich um Anerkennung bei meinen Lehrern gerungen – vergeblich, weil nur gute Noten zählten, die ich nicht vorweisen konnte. Ich kam in St. Blasien in eine „Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“, ich traf auf Lehrer, weitgehend Patres, die mit uns lebten und arbeiteten. Wir unternahmen viel, diskutierten über Gott und die Welt, unsere Lehrer hatten Zeit für uns. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass ich als Person und nicht als Schüler angesprochen wurde. Mein Selbstvertrauen wuchs mit der Anerkennung, die ich erfuhr, meine Leistungen verbesserten sich, und mein Glück vermehrte sich.

          Dreizehn Jahre später kam ich als Lehrer und Erzieher an die Odenwaldschule, ich übernahm die Verantwortung für eine Internatsfamilie von zehn Jugendlichen zwischen vierzehn und achtzehn, sechs Jungen und vier Mädchen. Ich wollte als „Familienoberhaupt“, so heißen dort die erziehenden Lehrer, fortsetzen, was ich als Internatsschüler in St. Blasien erfahren hatte, nämlich die mir anvertrauten jungen Menschen in ihrem Selbstwertgefühl stärken. Ich wollte für sie da sein, ihnen Orientierung, Verlässlichkeit und Schutz bieten, mit ihnen das Zusammenleben heiter, rücksichtsvoll und gegenseitig bereichernd gestalten. In St. Blasien war eine verbindliche Ordnung vorgegeben, an der Odenwaldschule durften und mussten wir uns eine eigene Ordnung geben, wir fanden einen großzügigen Rahmen vor, nach dem wir uns richten sollten.

          Heftige Kritik an Beckers Gewährenlassen

          Wir mussten mit den Mitteln der Überzeugung und mit unserer persönlichen Autorität dafür einstehen, dass die vereinbarten Regeln des Familienlebens eingehalten wurden. Wir hätten einen Leiter gebraucht, der unsere Autorität gestützt hätte. Es war 1972, das erste Jahr von Gerold Becker als Leiter. Sein Führungsstil war Gewährenlassen. Die Familien gestalteten ihr Leben sehr unterschiedlich. Nach einem Jahr gab es Familien mit sehr freizügigem Lebensstil und andere, die einer strengeren Ordnung folgten. Das Leiden am sich individualisierenden Familienleben führte zu heftiger Kritik an Beckers Gewährenlassen.

          Ort der Ambivalenz: Die Odenwaldschule im südhessischen Ober-Hambach

          Ich wurde zum Wortführer einer Gruppe von Lehrern, die klare Richtlinien der Familiengestaltung forderten, mehr Distanz zwischen Erwachsenen und Jugendlichen und mehr gemeinsame Anstrengung, die vereinbarten Regeln einzuhalten. Wir fanden kein Gehör. Wir wussten aber, dass das freie System der Odenwaldschule eine fürsorglich ordnende Person an der Spitze brauchte. Von sexuellen Übergriffen wussten wir nichts, wir hätten nicht gezögert, rebellisch, wie wir waren, sofort die Ablösung des Leiters zu fordern.

          Als ich 1974 die Leitung von Salem übernahm, hatte ich aus meiner Zeit an der Odenwaldschule die Lehre gezogen, dass der Leiter oder die Leiterin den Geist der Schule prägen muss, dass er Erzieher und Lehrer anleiten muss, wie sie den ihnen anvertrauten Kindern gerecht werden können, und darüber zu wachen, dass kein Mitglied der Schulgemeinschaft Schaden nimmt.

          Jugendliche können an zu großer Distanz und zu großer Nähe der Erwachsenen leiden. Wie Lehrer die rechte Mitte finden, lässt sich nicht allein institutionell regeln, sondern durch kluge Beratung des Leiters oder der Leiterin, aber auch durch Kontrolle. Die meisten Gespräche habe ich mit Lehrern über zu große Distanz zu Schülern geführt, nicht über zu große Nähe.

          Gewissenhafte Aufarbeitung der bekannten Fälle

          Als ich 1998 zum ersten Mal von dem Vorwurf hörte, Gerold Becker habe sich an Kindern vergangen, war ich entsetzt. Der Garant des Wohls aller Mitglieder der OSO-Familie sollte selbst zum Täter geworden sein. Über alle damals unternommenen Anstrengungen gibt es einen dienstlichen Bericht des damaligen Leiters Wolfgang Harder an die Behörde, den die Odenwaldschule ins Internet stellen sollte, damit jeder sich über die gewissenhafte Aufarbeitung der bekannten Vorwürfe informieren kann.

          Becker haben verschiedene, vor allem ihm nahestehende Menschen gebeten, ja gedrängt, sich zu erklären. Ich gehörte zu dem ferneren Freundeskreis, wusste aber, wie intensiv und häufig er gedrängt wurde. Ich vertraute vor allem auf Hartmut von Hentig, dass er nie etwas decken würde, was Kindern schadet. Ich bin bis heute nicht sicher, ob Becker sich ihm anvertraut hat. Ich persönlich verzichtete darauf, Becker auch dazu zu befragen, weil ihm viel näher Stehende es vergeblich versucht hatten.

          Warum erst beinahe zwölf Jahre später sich weitere Opfer melden, ob die Odenwaldschule, ob die Behörden, ob wir Leiter der Landerziehungsheime, ob die vielen reformpädagogischen Freunde, ob Altschüler und Journalisten hätten noch mehr Aufklärung betreiben oder Becker eine Erklärung abnötigen sollen, diese Fragen sollten wir uns selbstkritisch stellen.

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