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Niedergang der Sexualwissenschaft : Verhaltensmanagement statt Triebschicksal

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Die Zeit der Sexualwissenschaft in Deutschland ist vorbei. Während ihre Institute den Fachbereichen für Medizin oder Psychologie angegliedert werden, werden ihre Wegbereiter vergessen.

          Unter den Einwänden, die gegen die Thesen Thilo Sarrazins vorgebracht worden sind, fehlt einer merkwürdigerweise bis heute. Selbst seine vehementesten Kritiker nämlich scheinen sich nicht an der Selbstverständlichkeit zu stören, mit der Sarrazin Liebe und Partnerschaft allein in Hinsicht auf ihre wünschenswerten sozialen Konsequenzen abhandelt. Der Technokrat, der Sarrazin von Berufs wegen ist, kennt menschliche Sexualität lediglich als Schmiermittel oder Störfaktor im demographischen Betriebsablauf.

          Doch auch seine Gegner, die in ihm vor allem einen Rassisten sehen wollen, kommen nicht auf die Idee, gegen solche sexualpolitische Planwirtschaft die Würde der Privatsphäre einzufordern. Wann immer heute über Partnerschaft oder Familie gesprochen wird, geht es frontenübergreifend um deren gesellschaftlichen Nutzen, nicht um individuelle Bedürfnisse.

          Genese aus gesellschaftskritischem Impuls

          Es gehörte zu den Stärken der in den sechziger Jahren auf dem Grenzgebiet zwischen Soziologie, Psychologie und Medizin entstandenen modernen Sexualwissenschaft, den Widerspruch zwischen individuellen Wünschen und sozialen Normen scharf in den Blick gefasst zu haben. Möglich wurde dies durch den politischen Anspruch, der die Entstehung des Fachs begleitete, zugleich aber für eine gewisse Parteilichkeit verantwortlich ist, die es von Beginn an geprägt hat. Wie die Soziologie und Psychologie jener Jahre, die sich fast automatisch das Etikett „kritisch“ anhefteten, begriff sich die Sexualwissenschaft als Gegner der bürgerlichen Gesellschaft.

          Im Unterschied zu den meisten „kritischen“ Disziplinen, die damals aus dem Boden schossen, erwuchs diese Gegnerschaft jedoch aus den empirischen Befunden und beruflichen Erfahrungen der Fachvertreter selbst. Volkmar Sigusch, Direktor des ehemaligen Instituts für Sexualwissenschaft der Frankfurter Goethe-Universität, der sich 1972 in Hamburg mit der weltweit ersten Qualifikationsarbeit im Fach Sexualwissenschaft habilitierte, hatte zuvor eine praktische Ausbildung in der Psychiatrie absolviert und gründete 1973 mit dem US-amerikanischen Sexualforscher William Masters die „International Academy for Sex Research“ (IASR).

          Diese konnte zum ersten Mal auf breiter Datenbasis Unterschiede zwischen jugendlicher und erwachsener, „bürgerlicher“ und „proletarischer“ Sexualität empirisch entfalten und so die Annahme widerlegen, Sexualität sei eine schichten- und generationenübergreifende Naturtatsache. Außerdem war Sigusch langjähriger Vorsitzender der 1949 von dem Mediziner Hans Giese ins Leben gerufenen „Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung“ (DGfS), dem ältesten deutschen Fachverband für Sexualwissenschaft.

          Ein heterogener Kern

          In der DGfS waren fast alle Begründer der modernen Sexualwissenschaft versammelt. Die meisten von ihnen kamen wie Sigusch aus der medizinischen und sozialen Arbeit, bei der sie sich mit Schwierigkeiten konfrontiert sahen, die sie nur durch theoretische Reflexion über den Begriff der Sexualität, sein Verhältnis zur Natur und zur Geschichte, glaubten lösen zu können. Die Bedeutendsten unter ihnen waren der Psychotherapeut und Präsident der IASR, Gunter Schmidt, der in den Siebzigern mit Giese und Sigusch Studien zur „Studentensexualität“ und „Arbeitersexualität“ vorgelegt hat, der Psychiater Eberhard Schorsch, Leiter der Abteilung für Sexualforschung des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf, sowie Martin Dannecker, der 1974 mit dem Psychoanalytiker und SDS-Aktivisten Reimut Reiche die Studie „Der gewöhnliche Homosexuelle“, die erste empirische Untersuchung über Homosexualität in der Bundesrepublik, vorgelegt hatte.

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