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Neues Lernen : Das Ende der Präsenzuniversität

  • -Aktualisiert am

Muss Lernen an den Hochschulen vorzugsweise im Hörsaal stattfinden? Bild: picture-alliance/ dpa

Einsamkeit und Freiheit, so lautete die Humboldt-Formel für das wissenschaftliche Studium. Ins modern Technische übersetzt: Laptop und Selbststudium! Warum Lernen und Lehre nicht zwingend zusammen gehören.

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          Die Hochschuldidaktik hat die Zwischenrufe der Hirnforschung bislang weitgehend überhört. Deshalb kann sie auch noch recht unbekümmert an einigen ihrer zentralen Grundannahmen festhalten, ohne die ihr gesamtes Fundament ins Rutschen geraten würde. Die zählebigste Grundannahme ist die, der zufolge Lehren eine unverzichtbare Voraussetzung für die Initiierung und Begleitung von Lernprozessen sein soll. Nun kann man sicherlich nicht bestreiten, dass Individuen in Anbetracht erlebter oder gar erduldeter Lehre auch in irgendeiner Weise „lernen“, das heißt das erwartete Verhalten in unterschiedlichen Ausprägungsgraden hernach auch wirklich zu zeigen vermögen.

          Doch sind dies keinesfalls alle, und solche Effekte gehen mit teilweise aberwitzig geringen Behaltensquoten einher, das heißt, das gezeigte Verhalten wurzelt oft nur selten mehr oder wenig dauerhaft in den kognitiv-emotionalen Tiefenstrukturen des Bewusstseins ein. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Inhalte so manchen Schulfaches im Lebenslauf mehr und mehr verblassen und auf die Kenntnis einiger weniger Sachverhalte zusammenschrumpfen? Und wie sonst ist zu erklären, dass Erwachsene achtzig Prozent ihrer Fähigkeiten außerhalb und unabhängig von Bildungsinstitutionen durch informelles Lernen erwerben?

          Trotz der offensichtlich eingeschränkten Wirksamkeit der aufwendigen Lehrbemühungen lädt die Bologna-Strategie zu einem hilflosen „Mehr vom selben“ ein. Bologna stützt die überlieferten Lernkulturen, statt diese zu transformieren. Zwar hat das sogenannte Selbststudium in die „workload“-Berechnungen Einzug gehalten, doch glaubt man dieses bereits zu gewährleisten, indem man es berechnet. Und auch die sogenannten Kontaktzeiten werden zu Präsenzzeiten, einem Relikt prägutenbergscher Zeiten, in denen Zuhören die einzige Möglichkeit der Aneignung gewesen ist.

          Eine fragwürdige Praxis

          Warum aber nutzen wir nicht die Erfahrungen mit Formen der akademischen Lehre, die mit wenig oder gar ohne Präsenz auskommen? In den letzten Jahren entwickelte sich mehr und mehr das Bewusstsein dafür, dass die Praxis des angeleiteten Selbststudiums, wie sie die Fernstudienangebote realisieren, auch die Präsenzkultur an den Hochschulen und Universitäten insgesamt zu transformieren vermag.

          Die Selbstlernmaterialien, wie sie für das Fernstudium eigens entwickelt und zumeist auch aufwendig didaktisiert werden, sollen den Studierenden die Selbsterschließung eines Inhaltsgebietes erleichtern. Aus diesem Grunde gehören Glossare, Übungsaufgaben, Anwendungsbeispiele, Portfolioarbeiten sowie Einsendeaufgaben zu den wesentlichen didaktischen Elementen dieser Studienstrategie. Gerade Präsenzuniversitäten sehen sich deshalb heute vor die Frage gestellt, warum sie für ihre Fernstudierenden didaktisierte Selbstlernmaterialien bereithalten, die sie ihren Präsenzstudierenden vorenthalten - eine Praxis, die gerade in Anbetracht des erwähnten Einzugs des Selbststudiums auf leisen Sohlen mehr als fragwürdig ist.

          Wozu die Teilnahmepflicht?

          Bereits vor Jahren fragte mich ein Kollege, ob er seinen Einführungsstudienbrief, welchen er für das postgraduale Fernstudium entwickelt hatte, nicht auch bei seinen Präsenzstudierenden einsetzen könne. Die Freigabe seines Selbststudienmaterials konfrontierte ihn jedoch mit der Frage der Studierenden, warum sie eigentlich noch zur Teilnahme an seiner Vorlesung verpflichtet seien, wenn sie doch die Möglichkeit hätten - wie Fernstudierende auch -, ihr Wissen durch die Zusendung von Einsendeaufgaben oder einfach durch das Bestehen der Abschlussklausur unter Beweis zu stellen - eine Nachfrage, der mit keinen wirklich stichhaltigen Argumenten begegnet werden kann.

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