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Neo Rauch über die Krise der Universität : „Da unterrichte ich lieber unentgeltlich“

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Von der Bürokratie aufgerieben: Neo Rauch vor seinem Gemälde „Vorführung” Bild: dpa

Der Leipziger Malerstar Neo Rauch will im kommenden Jahr seine Professur aufgeben. Seine Beweggründe sagen viel über die Krise des deutschen Kunsthochschulbetriebs. Im F.A.Z.-Gespräch spricht er von einem skandalösen Mittelmaß an deutschen Universitäten.

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          Ohne Neo Rauch ist der Aufstieg der Neuen Leipziger Schule nicht denkbar, deshalb war fast folgerichtig, dass der Malerstar auch eine Hochschulprofessur übernahm. Ende Februar 2009 ist damit Schluss. Seine Beweggründe sagen viel darüber, warum auch der deutsche Kunsthochschulbetrieb in die Krise geraten ist.

          Herr Rauch, vor zweieinhalb Jahren schienen Sie ein Professor im Glück ein. Sie wollten ein „staubgrauer Diener“ Ihrer Studenten sein, der zu „malerischer Solidität“ erzieht. Damit ist es nun vorbei. War Ihnen der Hochschulalltag doch zu grau?

          Der Fracksaum des staubgrauen Dieners ist in die Fahrradspeichen geraten. Er hat sich im Gewirr der innerstädtischen Gassen verirrt und ein wenig die Übersicht verloren. Ich habe tatsächlich zunehmend Verwirrungszustände höheren Grades erlebt. Das hauchzarte Fluidum zwischen dem Maler und seiner Leinwand war enormen Gefährdungen ausgesetzt. Was sich letztlich auf der Leinwand niederschlägt, ist ja in hohem Maße hegens- und pflegenswert, ist fragil, subtil. Ich habe geglaubt, dass ich einen Kordon einrichten kann, der Störfelder weitgehend ausgrenzt. Es ging nicht. Bevor ich meinen Widersachern zuarbeite und denen Bilder serviere, die ihre Vorbehalte bestätigen, möchte ich doch selbst in der Endkontrollstation sitzen. Ich muss mir doch sagen, wo nachzulegen wäre. Wenn aber der zeitliche Rahmen dies nicht mehr zulässt und ich zurückfalle, wenn ich riskantere Manöver aufschiebe, die längst fällig wären, dann sind das alarmierende Momente. Da stellt sich dann die Frage, ob ich angesichts des rasenden Uhrzeigers Kunst ins Werk setze, oder dieses Lehramt versehe, das ja doch seine Tücken hat.

          Seine Bilder wurden immer düsterer: Neo Rauch vor seinem Gemälde „Die Lage”
          Seine Bilder wurden immer düsterer: Neo Rauch vor seinem Gemälde „Die Lage” : Bild: Frank Röth

          Stecken die Tücken allein in der Tatsache, dass Sie hier in Leipzig 45 Studierende, davon neun im Meisterschülerstudium betreuen? Und das in komfortablen Einzelunterricht?

          Eine Professur ist keine Ruhezone. Ich habe meine Kräfte überschätzt und geglaubt, ich könne diesen Spagat aushalten, ohne dass er zu einer Blutgrätsche wird. Es ist nicht möglich, mich hier in dem notwendigen Maße einzubringen und gleichzeitig meine Atelierangelegenheiten zu verwalten. Im Atelier stellte ich Abrieb fest, Verschleiß auch. Das hat auch mit der Größe der Klasse zu tun. Die Rahmenbedingungen sind einfach nicht besonders komfortabel, wenn die Klasse nur zu einem Bruchteil unter diesem Hausdach versammelt ist und sie ständig auf Achse sind. Der Einzelne verspürt Momente der Unterversorgtheit und denkt: Ich sehe den Kerl ja nur einmal im Monat für eine Stunde. Das ist für beide Seiten unbefriedigend.

          Es heißt nun, Sie hätten mit der Leipziger Schule einen Kompromiss gefunden. Wie sieht der aus?

          Meine Professur wird neu ausgeschrieben. Ich möchte aber unentgeltlich eine Meisterklasse mit bis zu fünf Studierenden unterrichten. Das käme meinen Vorstellungen einer idealen künstlerischen Ausbildung sehr nahe. Es ist ja auch nicht so, dass mein pädagogischer Eros völlig erlahmt wäre. Mir macht es nach wie vor großen Spaß, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Ich fühle mich wohl dabei. Natürlich könnte dem Ganzen mit diesem Modell ein elitärer Nimbus anhaften. Gleichzeitig wollen wir nicht immer nur Durchschnitt sein. Ich selbst gerate dabei natürlich auch in einen Primadonnenstatus, der mich immer ein wenig verlegen macht. Dennoch habe ich dieses Angebot unterbreitet und die Hochschule hat sich darauf eingelassen.

          Jede künstlerische Hochschule wünscht sich junge, berühmte Professoren. Gleichzeitig werden es immer mehr Studenten. Ist dieses Modell der Ausbildung, für das es ja selbst im 19. Jahrhundert nur wenige Beispiele gibt, gescheitert?

          Wenn man tatsächlich eine intensive Begabtenförderung betreiben will, muss man sehr selektiv vorgehen und darf keinen Massenbetrieb daraus machen. Es gibt keine Alternative zu diesem Einzelunterricht, zu dem vis-avis mit den sehr speziellen Befindlichkeiten. Wenn es aber so läuft, dass der Professor im Zick-Zack-Kurs durch den Nieselregen von Studentenbude zu Studentenbude, unten schüchtern per Handy fragen muss, ob er hochkommen darf oder ob es gerade nicht passt, dann ist das sehr unbefriedigend für beide Seiten. Also noch mal: Es geht hier um Elitenausbildung, und da ist weniger dann mehr.

          Da gab es zwischen der Hochschule und dem Ministerium wirklich keine Möglichkeit, die Dinge zu verhandeln?

          Nein. Wir haben die Zahlen zu erfüllen, bleiben wir drunter, gibt es Ärger. Der Ausbildungsbetrieb wird damit in ein skandalöses Mittelmaß getrieben. Die Chance dieser Schule besteht darin, sich zu einer elitären Ausbildung zu bekennen, die Studentenzahlen dramatisch zu reduzieren und alle wieder unter einem Dach zu versammeln. Nur so bekommt man hochkarätige Leute ans Haus und eben keine staubgrauen Diener, die nur froh sind, dass sie hier ihr Auskommen finden.

          Ist es eigentlich nur die Zeit, die Ihnen fehlt, oder stört Sie der Hochschulbetrieb insgesamt?

          Es sind die vielen Mikropartikel, die sich zu Störfäden verweben. Natürlich gehe ich durch die studentischen Ateliers und finde viele erfrischende Ansätze, die sich von meinen unterscheiden. Das ist Nährstoff. Letzten Endes ist man aber als Leiter einer Fachklasse in bestimmte Abläufe verwickelt und seien sie auch nur verwaltungstechnischer Natur. Die Bedürfnislagen von vierzig Leuten mit den unterschiedlichsten Anliegen auszutarieren, das bedeutet für mich, dass ich vor meiner Leinwand stehe und ein Knäuel im Kopf habe, den ich nicht mehr auflösen kann. Die Dosis macht einfach das Gift. Wahrscheinlich habe ich nicht genügend Hirnkapazität für diesen Job.

          Ihren aktuellen Bildern, die jetzt in New York zu sehen waren, wurde eine gewisse Düsternis attestiert. Hatte das etwas mit diesem Knäuel im Kopf zu tun?

          Ja, es lag in der Zerquältheit meiner Existenz. Es hatte etwas mit diesen verzweiflungsnahen Umständen zu tun. Wie sollte das die nächsten zwanzig Jahre so weitergehen? Ich hatte große Bedenken, diese düsteren Bilder aus meinem Atelier herauszulassen. Es hätte ja jemand Anstoß an dieser Verdunkelung nehmen und sie als Ablagerung meiner psychischen Ausdünstungen interpretieren können. Aber was soll sonst auf die Leinwand? Insofern warte ich jetzt schon auf eine entspannte Sommerkollektion und eine Koloritaufhellung. Der Knoten in meiner Brust hat sich gelöst.

          Liegen die Gründe für Ihre Erschöpfung nicht auch in ihrer übergroßen Produktivität?

          Ja, ich habe auch noch viel gemacht. Hinzukommt, dass ich in der Erwachsenenwelt nie vollständig Fuß fassen werde. Und ich wurde mit der Professur in eine Erwachsenenrolle hineingedrängt. Wenn ich mich in Senatssitzungen beobachte, dann merke ich, dass ich den Vorgängen nicht folgen kann. Die Fragen des Haushalts vermögen mich nicht zu fesseln und ich staune darüber, wie andere Kollegen am Ball bleiben und sehr akzentuierte Fragen zu bestimmten Aspekten der Haushaltsführung stellen können. Ich musste da ausbrechen, weil ich auf diesen Sitzungsstühlen eine komplette Nullnummer bin. Es raubt mir einfach Zeit. Ich bin ja nicht mehr dreißig. Der Erdkern saugt, es ist noch so ungeheuerlich viel zu tun und das Beste kommt erst noch. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt losgehen und ich Blöcke auf Kiel legen kann, die für Freund und Feind Bedeutung haben. Im Guten wie im Bösen. Da darf es keinen Verzug geben, keine Hinderung, keine Abirrung. Das ist jetzt Chefsache.

          Sie haben selbst an dieser Schule studiert, waren Assistent von Arno Rink. Was hat sich denn seither verändert?

          Zunächst: Es waren nur 120 Studenten und nicht 550. Ich glaube, dass unser Grundstudium sehr viel rigider war, viel akademischer. Ich muss heute mit Studenten des dritten Studienjahres über Dinge reden, die zum akademischen Repertoire gehören und die in den ersten zwei Jahren ein für alle mal abgehandelt werden müssten. Nichts, was mit Kunst zu tun hätte, sondern mit dem reinen Handwerk.

          Als Sie Ihre Professur antraten, hieß es bald, jetzt würden viele kleine Rauchs die Schule verlassen. Gibt es Epigonentum und wie gehen Sie damit um?

          Wenn ein 23jähriger in den Latschen des Meisters unterwegs ist und darin stolpert, dann soll er es an der Hochschule tun, weil es dort keiner sieht. Ich war auch in den Latschen von Bernhard Heisig, Walter Libuda und Markus Lüpertz unterwegs, stolperte fortwährend und keiner hat es bemerkt. Es gab damals aber noch nicht diese Öffentlichkeit, der die nachdrängenden Kollegen hier ausgesetzt sind. Da heißt es dann schnell bei den Rundgängen: in der Malerei nichts Neues oder alle malen wie Neo Rauch. Was ja gar nicht stimmt, aber der Scheinwerferkegel wird zu früh auf Halbgares gerichtet. Leider.

          Eine praktische Frage: Wie unterrichten Sie eigentlich Kunst?

          Ich bin ein Anhänger der subtilen Subversion, also des Einstreuens von Erregern. Ich halte wenig von der Figur eines herumschnauzenden Feldwebels, der meint, die Studenten müssten erst mal über ihn hinweggelangen. Im Idealfall ist es doch so, dass man den Studenten subversiv inspiriert, so dass er der Meinung ist, jede Veränderung auf der Leinwand sei von ihm allein gekommen. Gelegentlich signalisierten mir Studenten, ich sei zu milde, sie wünschten sich einen härteren Zugriff. Das waren aber alles Fälle, bei denen ich noch keinen Anlass zur Härte sah. Schärfe geht manchmal erst kurz vorm Diplom, weil man erst einmal abwarten muss, welche Richtungen sich überhaupt abzeichnen. Gleichzeitig sind es eben auch vierzig verschiedene Leute. Den einen kann man vielleicht anschnauzen, der andere wäre dem nicht gewachsen.

          Sind Sie mehr Virenaussender oder auch Bremser?

          Eher Virenaussender, vielleicht Infiltrator. Nein, bremsen musste ich eigentlich niemanden. Da schoss niemand über das Ziel hinaus.

          Was hat das Virenaussenden bewirkt?

          Meine feinstofflichen Infiltrationen haben durchaus Früchte gezeitigt. Das sind die Momente, in denen ich von der Nützlichkeit meines Tuns überzeugt war. Aber diese Momente sind rar. Das deutet auf den Kern des Übels hin. Die Schule muss Bedingungen schaffen, damit es nicht der Kollege Pickelhuber aus Kleinkleckersdorf sein wird, der den Glanz des Hauses mehrt. Durch den Bologna-Prozess und diese Bachelor- und Mastergeschichten werden die Häuser zunehmend verbürokratisiert und das treibt natürlich diejenigen aus den Instituten, die sich generell in Sitzungen nicht wohlfühlen. Hier müssen schleunigst Korrekturen gefunden werden, sonst kommt niemand mehr.

          Gibt es jemanden, den Sie sich als Nachfolger wünschen?

          Ja, aber das sind alles Leute, die nicht im Traum daran denken, nach Leipzig zu kommen. Mit Michael Borremans hatte ich schon Kontakt, Daniel Richter wäre auch gut. Peter Doig ist leider unter der Haube. Die Professur wird jetzt auf sechs Jahre befristet sein. Das ist natürlich für all jene interessanter, die hier nicht ihren Lebensabend verbringen wollen.

          Spielt Ihr Abschied nicht jenen in die Hände, die jetzt den Abgesang auf die Leipziger Schule anstimmen?

          Ich kenne dieses Geraune, es hätte sich in Leipzig ausgeraucht. All denen kann ich nur sagen: Herrschaften, freut euch nicht zu früh. Ihr habt euch lange noch nicht ausgeekelt vor dem, was ihr beschlossen habt, nicht zu mögen, weil es für euch eine lästige Konkurrenz ist! Da zieht noch manches am Horizont herauf, was euch noch das Fürchten lehren wird. Da ist vieles im Busche und wird auch ohne mein direktes Mitwirken weiterhin zu erwarten sein.

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