https://www.faz.net/-gqz-zeqo

Neo Rauch über die Krise der Universität : „Da unterrichte ich lieber unentgeltlich“

  • Aktualisiert am

Von der Bürokratie aufgerieben: Neo Rauch vor seinem Gemälde „Vorführung” Bild: dpa

Der Leipziger Malerstar Neo Rauch will im kommenden Jahr seine Professur aufgeben. Seine Beweggründe sagen viel über die Krise des deutschen Kunsthochschulbetriebs. Im F.A.Z.-Gespräch spricht er von einem skandalösen Mittelmaß an deutschen Universitäten.

          6 Min.

          Ohne Neo Rauch ist der Aufstieg der Neuen Leipziger Schule nicht denkbar, deshalb war fast folgerichtig, dass der Malerstar auch eine Hochschulprofessur übernahm. Ende Februar 2009 ist damit Schluss. Seine Beweggründe sagen viel darüber, warum auch der deutsche Kunsthochschulbetrieb in die Krise geraten ist.

          Herr Rauch, vor zweieinhalb Jahren schienen Sie ein Professor im Glück ein. Sie wollten ein „staubgrauer Diener“ Ihrer Studenten sein, der zu „malerischer Solidität“ erzieht. Damit ist es nun vorbei. War Ihnen der Hochschulalltag doch zu grau?

          Der Fracksaum des staubgrauen Dieners ist in die Fahrradspeichen geraten. Er hat sich im Gewirr der innerstädtischen Gassen verirrt und ein wenig die Übersicht verloren. Ich habe tatsächlich zunehmend Verwirrungszustände höheren Grades erlebt. Das hauchzarte Fluidum zwischen dem Maler und seiner Leinwand war enormen Gefährdungen ausgesetzt. Was sich letztlich auf der Leinwand niederschlägt, ist ja in hohem Maße hegens- und pflegenswert, ist fragil, subtil. Ich habe geglaubt, dass ich einen Kordon einrichten kann, der Störfelder weitgehend ausgrenzt. Es ging nicht. Bevor ich meinen Widersachern zuarbeite und denen Bilder serviere, die ihre Vorbehalte bestätigen, möchte ich doch selbst in der Endkontrollstation sitzen. Ich muss mir doch sagen, wo nachzulegen wäre. Wenn aber der zeitliche Rahmen dies nicht mehr zulässt und ich zurückfalle, wenn ich riskantere Manöver aufschiebe, die längst fällig wären, dann sind das alarmierende Momente. Da stellt sich dann die Frage, ob ich angesichts des rasenden Uhrzeigers Kunst ins Werk setze, oder dieses Lehramt versehe, das ja doch seine Tücken hat.

          Seine Bilder wurden immer düsterer: Neo Rauch vor seinem Gemälde „Die Lage”

          Stecken die Tücken allein in der Tatsache, dass Sie hier in Leipzig 45 Studierende, davon neun im Meisterschülerstudium betreuen? Und das in komfortablen Einzelunterricht?

          Eine Professur ist keine Ruhezone. Ich habe meine Kräfte überschätzt und geglaubt, ich könne diesen Spagat aushalten, ohne dass er zu einer Blutgrätsche wird. Es ist nicht möglich, mich hier in dem notwendigen Maße einzubringen und gleichzeitig meine Atelierangelegenheiten zu verwalten. Im Atelier stellte ich Abrieb fest, Verschleiß auch. Das hat auch mit der Größe der Klasse zu tun. Die Rahmenbedingungen sind einfach nicht besonders komfortabel, wenn die Klasse nur zu einem Bruchteil unter diesem Hausdach versammelt ist und sie ständig auf Achse sind. Der Einzelne verspürt Momente der Unterversorgtheit und denkt: Ich sehe den Kerl ja nur einmal im Monat für eine Stunde. Das ist für beide Seiten unbefriedigend.

          Es heißt nun, Sie hätten mit der Leipziger Schule einen Kompromiss gefunden. Wie sieht der aus?

          Meine Professur wird neu ausgeschrieben. Ich möchte aber unentgeltlich eine Meisterklasse mit bis zu fünf Studierenden unterrichten. Das käme meinen Vorstellungen einer idealen künstlerischen Ausbildung sehr nahe. Es ist ja auch nicht so, dass mein pädagogischer Eros völlig erlahmt wäre. Mir macht es nach wie vor großen Spaß, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Ich fühle mich wohl dabei. Natürlich könnte dem Ganzen mit diesem Modell ein elitärer Nimbus anhaften. Gleichzeitig wollen wir nicht immer nur Durchschnitt sein. Ich selbst gerate dabei natürlich auch in einen Primadonnenstatus, der mich immer ein wenig verlegen macht. Dennoch habe ich dieses Angebot unterbreitet und die Hochschule hat sich darauf eingelassen.

          Jede künstlerische Hochschule wünscht sich junge, berühmte Professoren. Gleichzeitig werden es immer mehr Studenten. Ist dieses Modell der Ausbildung, für das es ja selbst im 19. Jahrhundert nur wenige Beispiele gibt, gescheitert?

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

          Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

          Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

          Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.