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Neo Rauch über die Krise der Universität : „Da unterrichte ich lieber unentgeltlich“

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Wenn man tatsächlich eine intensive Begabtenförderung betreiben will, muss man sehr selektiv vorgehen und darf keinen Massenbetrieb daraus machen. Es gibt keine Alternative zu diesem Einzelunterricht, zu dem vis-avis mit den sehr speziellen Befindlichkeiten. Wenn es aber so läuft, dass der Professor im Zick-Zack-Kurs durch den Nieselregen von Studentenbude zu Studentenbude, unten schüchtern per Handy fragen muss, ob er hochkommen darf oder ob es gerade nicht passt, dann ist das sehr unbefriedigend für beide Seiten. Also noch mal: Es geht hier um Elitenausbildung, und da ist weniger dann mehr.

Da gab es zwischen der Hochschule und dem Ministerium wirklich keine Möglichkeit, die Dinge zu verhandeln?

Nein. Wir haben die Zahlen zu erfüllen, bleiben wir drunter, gibt es Ärger. Der Ausbildungsbetrieb wird damit in ein skandalöses Mittelmaß getrieben. Die Chance dieser Schule besteht darin, sich zu einer elitären Ausbildung zu bekennen, die Studentenzahlen dramatisch zu reduzieren und alle wieder unter einem Dach zu versammeln. Nur so bekommt man hochkarätige Leute ans Haus und eben keine staubgrauen Diener, die nur froh sind, dass sie hier ihr Auskommen finden.

Ist es eigentlich nur die Zeit, die Ihnen fehlt, oder stört Sie der Hochschulbetrieb insgesamt?

Es sind die vielen Mikropartikel, die sich zu Störfäden verweben. Natürlich gehe ich durch die studentischen Ateliers und finde viele erfrischende Ansätze, die sich von meinen unterscheiden. Das ist Nährstoff. Letzten Endes ist man aber als Leiter einer Fachklasse in bestimmte Abläufe verwickelt und seien sie auch nur verwaltungstechnischer Natur. Die Bedürfnislagen von vierzig Leuten mit den unterschiedlichsten Anliegen auszutarieren, das bedeutet für mich, dass ich vor meiner Leinwand stehe und ein Knäuel im Kopf habe, den ich nicht mehr auflösen kann. Die Dosis macht einfach das Gift. Wahrscheinlich habe ich nicht genügend Hirnkapazität für diesen Job.

Ihren aktuellen Bildern, die jetzt in New York zu sehen waren, wurde eine gewisse Düsternis attestiert. Hatte das etwas mit diesem Knäuel im Kopf zu tun?

Ja, es lag in der Zerquältheit meiner Existenz. Es hatte etwas mit diesen verzweiflungsnahen Umständen zu tun. Wie sollte das die nächsten zwanzig Jahre so weitergehen? Ich hatte große Bedenken, diese düsteren Bilder aus meinem Atelier herauszulassen. Es hätte ja jemand Anstoß an dieser Verdunkelung nehmen und sie als Ablagerung meiner psychischen Ausdünstungen interpretieren können. Aber was soll sonst auf die Leinwand? Insofern warte ich jetzt schon auf eine entspannte Sommerkollektion und eine Koloritaufhellung. Der Knoten in meiner Brust hat sich gelöst.

Liegen die Gründe für Ihre Erschöpfung nicht auch in ihrer übergroßen Produktivität?

Ja, ich habe auch noch viel gemacht. Hinzukommt, dass ich in der Erwachsenenwelt nie vollständig Fuß fassen werde. Und ich wurde mit der Professur in eine Erwachsenenrolle hineingedrängt. Wenn ich mich in Senatssitzungen beobachte, dann merke ich, dass ich den Vorgängen nicht folgen kann. Die Fragen des Haushalts vermögen mich nicht zu fesseln und ich staune darüber, wie andere Kollegen am Ball bleiben und sehr akzentuierte Fragen zu bestimmten Aspekten der Haushaltsführung stellen können. Ich musste da ausbrechen, weil ich auf diesen Sitzungsstühlen eine komplette Nullnummer bin. Es raubt mir einfach Zeit. Ich bin ja nicht mehr dreißig. Der Erdkern saugt, es ist noch so ungeheuerlich viel zu tun und das Beste kommt erst noch. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt losgehen und ich Blöcke auf Kiel legen kann, die für Freund und Feind Bedeutung haben. Im Guten wie im Bösen. Da darf es keinen Verzug geben, keine Hinderung, keine Abirrung. Das ist jetzt Chefsache.

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