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Naturwissenschaft und Philosophie : Der gestirnte Himmel über uns

Gleichzeitig können solch kleinskalige Prozesse aufgrund von Feedback aber durchaus starke Wirkungen auf Prozesse auf großen Skalen ausüben, so dass sich die Frage stellt, wie viel physikalische Detailbeschreibung notwendig ist, damit die Vorhersagen des simulierten Gesamtsystems nicht verfälscht werden. Die systematische Reflexion möglicher Prüfungs-techniken für astrophysikalische Simulationen ist damit ein weiterer wichtiger Punkt, für den philosophische Analysen Hilfestellung bieten mögen, so wie dies bereits bei Klimamodellen geschieht.

Vor Seitenwechsel bitte nachdenken

In der kritischen Analyse astrophysikalischer Modelle und Simulationen zeigt sich, dass sich Fragen der Wissenschaftstheorie oft sehr nah an den tatsächlichen Problemen der Wissenschaftler orientieren. Die Philosophie kann helfen, wissenschaftliche Begrifflichkeiten und Zusammenhänge so zu klären und explizit zu machen, dass versteckte Probleme deutlich werden. Und Diskussionen, die im Forschungsalltag andernfalls leicht untergehen. „Die Philosophie wird uns zu besseren Wissenschaftlern machen“, formulierte Barry Madore seine Erwartung an eine funktionierende Zusammenarbeit.

Momentan befindet sich die Astrophysik, wie auch andere wissenschaftliche Disziplinen, in einer Entwicklung hin zu immer aufwendigeren Simulationen, hin zur Erzeugung immer gigantischerer Datenmengen. Diese Entwicklung, die mit einer immer stärkeren Arbeitsteilung einhergeht, erfordert ein tiefgreifendes Verständnis der Voraussetzungen, Annahmen, Ziele und Grenzen der astrophysikalischen Methode. Um im Bild Neil deGrasse Tysons zu sprechen, mag es manchmal durchaus sinnvoll erscheinen, nicht gleich die Straße zu überqueren, sondern ab und zu kurz innezuhalten und sich erst einmal ein Bild vom Straßenverkehr zu machen.

Diskutieren und analysieren

Der letzte der vier Carnegie-Workshops, der soeben am kalifornischen Lake Arrowhead abgehalten wurde und zu dem noch einmal alle Philosophen, die an den ersten drei Treffen teilgenommen hatten, eingeladen waren, demonstrierte eine starke, geteilte Motivation der Natur- und Geisteswissenschaftler. Die nämlich, sich zukünftig gemeinsamen Themen zu widmen. „Es geschieht nicht häufig, dass man Zeuge der Geburt eines neuen Feldes innerhalb der Philosophie wird, aber dank dieser Workshops existiert nun die Philosophie der Astronomie und Astrophysik als neue Unterdisziplin der Wissenschaftsphilosophie“, unterstrich der Philosoph Paul Humphreys die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenkünfte.

Für die Philosophen bietet die Astrophysik eine Fülle unbearbeiteter Fragestellungen und Fallbeispiele, gleichzeitig können die Astrophysiker in der Reflexion ihrer Tätigkeit auf reichhaltige philosophische Analysen zurückgreifen. „Es war wunderbar, zu sehen, wie beide Gruppen aufeinander zugegangen sind und etwas völlig Neues entstanden ist“, beschrieb Wendy Freedman, Direktorin der Carnegie Observatories, den Erfolg der Workshops. Ein großer Teil des letzten Treffens war Spaziergängen und freien Diskussionen vorbehalten und erinnerte damit auch strukturell an diejenigen Zeiten, Anfang des letzten Jahrhunderts, als die Gründerväter der modernen Physik sich philosophierend auf Wanderungen trafen, um die stattfindenden Revolutionen des physikalischen Weltbildes zu diskutieren.

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