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Nach dem Volksentscheid : Diese Kritik sollte Schule machen

Längeres gemeinsames Lernen ist in Hamburg nicht erwünscht: der Souverän hat sich entschieden Bild: dpa

Die Vorzüge des längeren gemeinsamen Lernens sind empirisch nicht belegt. Im Gegenteil: Je individueller Kinder gefördert wereden, desto „ungleicher“ werden sie. Den Hamburger Schülern ist ein Laborversuch erspart geblieben.

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          Egal, aus welchen Motiven so viele Hamburger die vermeintliche Schulreform jetzt weggewählt haben – das Wahlergebnis ist erst einmal ein Glück für viele Kinder. Ihnen bleibt, zumindest vorerst, ein weiterer Laborversuch erspart, der Politikern und anderen Erwachsenen ein gutes Gefühl verschaffen sollte. Das gute Gefühl, soziale Spaltungen, die sich natürlich auch in Schulen widerspiegeln, ausgebremst zu haben. Es hat die Verfechter des längeren gemeinsamen Lernens nie gestört, dass empirische Befunde, die nackten Fakten also, ihre Behauptungen nirgendwo bestätigt haben. Genauso wie sich nirgendwo nachweisen lässt, dass kleine Klassen den Lernerfolg steigern; sie sind nur garantiert teuer. Das Versprechen, die Klassengrößen zu reduzieren, klingt einfach gut, und lenkt von den tatsächlichen Defiziten ab.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Probleme konzentrieren sich auch in Hamburg in bestimmten Stadtteilen, wie Veddel, Wilhelmsburg oder Mümmelmannsberg. Es sind Viertel, in denen das Risiko, die Schule mit gar keinem oder einem Abschluss zu verlassen, der kaum verwertbar ist, um ein Vielfaches höher ist als in den bürgerlichen Gegenden der Hansestadt. Die größte Risikogruppe auch hier, wie in vielen deutschen Städten: Jungen aus Migrantenfamilien, deren Eltern oder bereits Großeltern hierher gezogen sind, viele aus der Türkei. Es sind Viertel, die bei bundesweiten Schulleistungstests nicht gut abschneiden, die mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben, mit Gewaltdelikten und Schulschwänzerei. Und aus denen, wie überall in den Großstädten, Familien wegzogen und wegziehen, die nicht mehr einsehen, dass ihre Kinder die Sprachnöte anderer kompensieren sollen und mit Konflikten konfrontiert sind, auf deren Lösung eine Schule nur sehr bedingt Einfluss hat.

          Ein Rückgriff auf überlebte Ideologien der siebziger Jahre

          Was wäre für Kinder in sozialen Brennpunkten eigentlich gewonnen, blieben sie länger zusammen als jetzt? Es gibt intelligentere, pädagogisch sinnvollere Konzepte als das Herumbasteln an der Schulstruktur, um ihre Chancen zu verbessern. Trotzdem hat sich nicht nur Hamburg wieder einmal darauf versteift, den feinen wie groben Unterschieden auf diese Weise beizukommen. Beklagt wurde die ungünstige soziale Mischung in diesen Schulen, ohne deren – schulferne – Ursachen zu analysieren, so wie man am anderen Ende der Bildungsskala wieder einmal das Gymnasium als Selektionsanstalt stigmatisierte. Doch weder ist das Gymnasium verantwortlich dafür, dass zwischen zwanzig Prozent und einem Viertel jedes Jahrganges das Ziel verfehlen, mit ihrem Schulwissen eine sinnvolle Berufsausbildung beginnen zu können, noch kann Schule überhaupt die beklagte Ungleichheit aufheben. Im Gegenteil: auch Kinder sind Menschen mit unterschiedlichen Gaben, und je mehr und intensiver ihre jeweils individuellen Fähigkeiten gefördert werden, desto „ungleicher“ werden sie. Das sind Erkenntnisse der Bildungsforschung, die sich gerade die Politik nur ungern zu eigen macht.

          Vor allem ist die Tatsache, dass auf der Veddel in Hamburg weniger Schüler das Abitur schaffen als etwa in Hamburg-Eppendorf, nicht aus der Welt zu schaffen, indem man die Gymnasien angreift. Das ist ein Rückgriff auf überlebte Ideologien der 1970er Jahre, verbunden mit dem höchst unseriösen Versprechen, durch Eingriffe in das Bildungssystem die gesellschaftliche Ungleichheit beseitigen zu können – ein Anspruch, der Schulen auch ruinieren kann.

          Mit der Abschaffung der Hauptschule erledigt sich die Benachteiligung nicht

          Außerdem verkennen die Gegner und Beargwöhner des Gymnasiums dessen historische Herkunft: als neuhumanistische Lehranstalt im neunzehnten Jahrhundert entstanden, war es die erste Schule, die jeden aufzunehmen hatte, der die Leistungen, die Fähigkeiten dafür mitbrachte. Das Gymnasium verband gerade nicht das Privileg der Herkunft mit dem Recht auf höhere Bildung, was die Sozialdemokratie zum Beispiel in der Weimarer Republik noch wusste.

          Wenn heute weit mehr als vierzig Prozent eines Schülerjahrganges (vor fünfzig Jahren waren es gerade mal elf Prozent) auf ein Gymnasium gehen und achtzig Prozent davon das Abitur erreichen in, ist das auch ein bildungspolitischer Erfolg. Nur sollen wir uns daran wohl nicht freuen. Hamburg und andere Teilstaaten dieser Republik hoffen, dass sich mit der Abschaffung der Hauptschule auch die katastrophale Benachteiligung ihrer Schüler erledigt. Doch man hat sie ohne Not seit über einem Jahrzehnt zum Buhmann gemacht, sie als „Restschule“ stigmatisiert, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sich das auswirkt. Der Abschluss – und der bleibt erhalten – reicht für nur noch wenige Lehrberufe. Und die Hamburger Schulversager? Sie brauchten, ohne sozialromantische Verklärung, endlich die unideologische Aufmerksamkeit der Stadtregierung.

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