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Wissenschaft : Mythen über die Migrationsforschung

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Am Anfang eines komplizierten Integrationsprozesses steht für viele Menschen das Warten in Isolation. Hier in einer Flüchtlingsunterkunft in Erding. Bild: dpa

Die Historikerin Hedwig Richter wirft der Migrationsforschung Ignoranz und eine geschönte Sicht auf die Wirklichkeit vor. Doch komplexe Befunde zur Integration lassen sich nicht zu einer einfachen Realität verdichten. Eine Replik.

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          Unter dem Titel „Die Realität kann sie nicht stoppen“ erhebt Hedwig Richter schwerwiegende Vorwürfe, die dem Mainstream der deutschen Migrationsforschung jede wissenschaftliche Seriosität bestreiten. Behauptet werden unter anderem eine Ignoranz gegenüber relevanten empirischen Daten und die interessengeleitete Verwendung von Scheinargumenten – also ein Verstoß gegen grundlegende Prinzipien wissenschaftlichen Argumentierens. Als Motive werden Betriebsblindheit, Eifer, Alarmismus und die Ausrichtung auf eine selbstgerechte Politikberatung angenommen.

          Wären diese Vorwürfe zutreffend, wäre einer solchen „Forschung“ zweifellos jede Wissenschaftlichkeit abzusprechen und ihre Förderung einzustellen. Die Kritik zielt damit grundsätzlich auf die Legitimität einer aus der Sicht der Kritikerin einflussreichen Strömung der deutschen Migrationsforschung. Dies fordert eine Erwiderung heraus.

          „Agency“ zeigt komplexe Gemengelage sozialer Bedingungen

          Vorgeworfen wird der Migrationsforschung das dogmatische Festhalten an der Annahme, dass alle Integrationsprobleme allein durch die Diskriminierung von Migranten in der Aufnahmegesellschaft verursacht seien. Dazu lässt sich feststellen: Zweifellos hat die Migrationsforschung seit den achtziger Jahren eine Aufgabe darin gesehen, populäre Deutungen zu kritisieren, die Integrationsprobleme mit kulturellen Eigenschaften und der fehlenden Anpassungsfähigkeit der Migranten begründen. Demgegenüber wurde auf die Bedeutung von struktureller und direkter Diskriminierung hingewiesen – insbesondere im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und durch das Staatsbürgerschaftsrecht. Dabei wurde jedoch nicht behauptet, dass Integrationsprobleme monokausal als Folge von Diskriminierung zu betrachten sind. Vielmehr wurde immer wieder aufgezeigt, dass der soziale Status in der Herkunftsgesellschaft ein mitentscheidender Faktor ist, der sich auch noch auf die zweite und dritte Generation auswirkt.

          Nachgewiesen wurde zudem, dass Bildungs- und Arbeitsbiographien von familialen und kollektiven Strategien abhängig sind. Solche Strategien entwickeln die Migranten vor dem Hintergrund ihrer biographischen Erfahrungen und in Reaktion auf ihre Situation in der Aufnahmegesellschaft. Das von Hedwig Richter zur Diskussion gestellte Konzept der „Agency“ steht dabei aber gerade nicht für die Annahme, dass Migranten in ihrer Handlungsweise schlicht autonom sind. In den Blick genommen wird damit vielmehr die komplexe Gemengelage sozialer Bedingungen, durch die mehr oder weniger große Möglichkeiten zu einer selbstbestimmten Lebensführung gegeben sind.

          Fundamentalismus als mögliche Folge gescheiterter Integration

          Unbestritten war und ist, dass in diesem Zusammenhang auch kulturelle und religiöse Bezüge folgenreich sein können. Aufgezeigt wurde jedoch, dass diese keineswegs schlicht eine unveränderliche Erblast der Herkunft und auch kein automatisch wirksamer Mechanismus sind. Sie werden in dem Maße relevant oder verlieren an Bedeutung, wie sie Möglichkeiten des Verstehens, der sinnhaften Orientierung, der Anerkennung und der Identitätsbestimmung in der Aufnahmegesellschaft eröffnen oder verschließen.

          Diese Zusammenhänge zeigen sich auch in der Studie, die der Migrationsforscher Ruud Koopmans zum Verhältnis von Integrationsbereitschaft und Religionszugehörigkeit vorgelegt hat. Deren Befunde eignen sich aus den dargelegten Gründen keineswegs als eindeutiger Beleg für die These, dass muslimische Religionszugehörigkeit ein Integrationshemmnis ist. Es ist deshalb auch nicht erforderlich, diese Untersuchung zu ignorieren (was Hedwig Richter der Migrationsforschung vorwirft), um an der Annahme festzuhalten zu können, dass Integration wesentlich von den Bedingungen der aufnehmenden Gesellschaft abhängig ist. Denn Koopmans selbst kommt bei der Analyse seiner Daten zu dem Ergebnis, dass die Verbreitung fundamentalistischer Orientierungen bei Muslimen wie auch bei Christen mit dem sozioökonomischen Status und dem Bildungsniveau zusammenhängt. Er stellt fest: „Menschen mit fundamentalistischen Einstellungen finden sich überproportional unter sozioökonomisch marginalisierten Schichten.“ (In: Journal of Ethnic and Migration Studies 2015, S. 51.)

          Dies stimmt mit der Beobachtung der Migrationsforschung überein, dass fundamentalistische Orientierungen und strikte Gruppenidentifikationen eine Reaktion auf Erfahrungen in der Aufnahmegesellschaft sind, insbesondere von unzureichender Integration in Bildungssystem und Arbeitsmarkt sowie von Diskriminierung. Religiöser Fundamentalismus ist so betrachtet keine freischwebende Ursache fehlender Integrationsbereitschaft, sondern eine mögliche Reaktion auf gescheiterte Integration.

          Staatsbürgerschaft ist keine zureichende Bedingung für Integration

          Selbstverständlich stellt die damit vorgenommene Umkehrung des Ursache-Wirkungs-Zusammenhanges aber eine hoch problematische Vereinfachung dar. Denn für ein angemessenes Verständnis ist es erforderlich, sich mit den sozialhistorischen Prozessen und den gesellschaftlichen Verhältnissen zu befassen. Diese haben einerseits zur Benachteiligung von Migranten aus bestimmten Herkunftsländern auf den europäischen Arbeitsmärkten und in den Bildungssystemen sowie zu sozialräumlicher Segregation in den Städten geführt. Andererseits ist zu analysieren, wie sich dies mit einer politischen Kommunikation verschränkt, die den Islam als fremde, unaufgeklärte Religion darstellt und Muslimen die Anerkennung als Mitglieder der europäischen Gesellschaften verweigert. Die Analyse solcher Zusammenhänge kann nicht durch eine oberflächliche Betrachtung statistischer Daten ersetzt werden. Diese Daten sind im Fall der Studie von Ruud Koopmans zudem nicht für die Gesamtheit der deutschen Muslime repräsentativ.

          Eine komplexere Betrachtung ist auch bei allen anderen Aspekten erforderlich, die von Hedwig Richter angesprochen werden. Exemplarisch thematisiert werden kann hier nur noch ein weiterer Aspekt: Richter behauptet, dass die Staatsbürgerschaft für Integrationsprozesse weniger bedeutsam sei als von der Migrationsforschung angenommen. Als Beleg führt sie Integrationsprobleme in Frankreich an. Dieser Hinweis stützt die Behauptung aber keineswegs. Denn französische Soziologen wie François Dubet und Loic Wacquant haben gezeigt, dass es gerade die Diskrepanz zwischen dem Versprechen der staatsbürgerlichen Gleichheit und der alltäglichen Erfahrung von Segregation, Benachteiligung und Rassismus ist, die den Konflikten in den Banlieues zugrunde liegt. Dagegen hat meines Wissens niemand behauptet, dass die Staatsbürgerschaft eine zureichende Bedingung für Integration sei.

          In all diesen Punkten wird eine grundsätzliche Problematik im Verhältnis von wissenschaftlicher zu politischer und massenmedialer Kommunikation deutlich: Sozialwissenschaftliche Forschung ist mit komplexen Phänomenen befasst, und die empirischen Tatsachen der Wissenschaften sind nicht einfach eine schlicht gegebene Realität, die unzweideutig festgestellt werden kann. Insofern besteht die Kunst der Vermittlung und der öffentlichen Diskussion wissenschaftlicher Ergebnisse darin, eine Komplexitätsreduktion vorzunehmen, die es ermöglicht, Positionen in Streitfragen zu beziehen, ohne in unzulässige Vereinfachungen zu verfallen.

          Dies erfordert eine verantwortliche Abwägung. Dabei ist die Wissenschaft aufgefordert, einer von Max Weber aus dem Prinzip der Werturteilsfreiheit abgeleiteten Kommunikationsregel zu folgen: kenntlich zu machen, welche Bestandteile der eigenen Argumentation genuin wissenschaftliches Wissen und welche Ausdruck der eigenen politischen Überzeugung sind. Selbstverständlich erkennt Migrationsforschung diese Grundsätze ebenso an, wie sie von ihren Kritikern erwarten kann, dies gleichermaßen zu tun.

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