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Muslimisches Begabtenförderwerk : Gesinnungsprüfungen soll es nicht geben

Bei der Vorstellung von Avicenna in Berlin: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit Bülent Ucar (r.) und Mounir Azzaoui (2.v.l.) von der Avicenna- und Bernhard Lorentz von der Mercator-Stiftung Bild: Michael Kappeler/ dpa

Die Auswahlkriterien fehlen zwar noch, aber das Avicenna-Begabtenförderwerk für muslimische Studenten ist gegründet. Sein Vorstand muss die unterschiedlichsten Erwartungen des Staates, der Stiftung und der eigenen Glaubensbrüder erfüllen.

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          Dem neu gegründeten Begabtenförderwerk für muslimische Studenten „Avicenna“ - mit dem latinisierten Namen des persischen Wissenschaftlers Abu Ali al-Husayn ibn Sina (980 bis 1037) - steht ein schwieriger Balanceakt bevor. Es soll die Pluralität der hier lebenden Muslime abbilden, das heißt die der in Verbänden organisierten und der nicht organisierten. Es kommt deshalb alles darauf an, wie die Entwicklung der Auswahlkriterien gelingt - und diese stehen noch nicht fest. Die bisher schon bestehenden konfessionell geprägten Förderwerke haben es damit erheblich leichter. Das Evangelische Studienwerk Villigst, die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk und die jüdische Begabtenförderung des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks haben Kirchen oder eine Dachorganisation hinter sich, die in sich so plural sein mögen, wie sie wollen, aber als Ansprechpartner und Verantwortliche fungieren.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Wer die Besetzung der Gremien des Avicenna-Studienwerks betrachtet, stellt rasch fest, wie dünn die Personaldecke der überhaupt verfügbaren, akademisch beheimateten Muslime ist, die dafür in Frage kommen. Das Ehepaar Amirpur/Kermani ist jedenfalls gleich zu zweit in unterschiedlichen Gremien beteiligt.

          Zunächst lehren Theologen und Religionswissenschaftler

          Vorsitzender des ehrenamtlich agierenden Vorstands ist Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück; außerdem gehören dem Vorstand der Tübinger Koranwissenschaftler Omar Hamdan, die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth, der Osnabrücker Religionswissenschaftler Rauf Ceylan und die Leiterin mehrerer Forschungsprojekte an der Humboldt-Universität zu Berlin Naika Foroutan an. Mit Ausnahme Foroutans und Ali Mufit Bahadirs, Professor für Ökologische und Nachhaltige Chemie und Abfallanalytik in Braunschweig, sowie Frau Neuwirths sind alle Theologen oder Religionswissenschaftler. Das soll sich in Zukunft aber ändern. Im wissenschaftlichen Beirat ist das Verhältnis deutlich ausgewogener, auch im Kuratorium. Dem Kuratorium gehören die SPD-Vizevorsitzende Aydan Özoguz und der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir an.

          “Avicenna“ wolle keineswegs nur muslimische Theologiestudenten fördern, sondern auch Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Mediziner und Juristen, unterstreicht Ucar. Glaubens- oder Gesinnungsprüfungen soll es nicht geben, dafür will auch die Stiftung Mercator sorgen, die schon seit einiger Zeit das Graduiertenkolleg Islamische Theologie fördert und das neue Studienwerk über einen Zeitraum von fünf Jahren mit insgesamt einer Million Euro unterstützt. Sie ist sowohl im Vorstand vertreten als auch als juristische Person in der Mitgliederversammlung und behält sich das Benennungsrecht für einen Wissenschaftler für den Wissenschaftlichen Beirat und das Kuratorium vor. Außerdem entsendet die Stiftung eine Vertreterin mit beratender Funktion in das Auswahlgremium.

          Auch interkulturelles Zusammenleben soll erforscht werden

          Bis zum Ende des Jahres sollen die Auswahlkriterien erarbeitet werden. Die drei konfessionellen Begabtenförderwerke und die Studienstiftung beraten ebenso wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das ohnehin seine eigenen Bedingungen stellt und das Projekt mit sieben Millionen Euro für vier Jahre fördert. Exzellenz und gesellschaftliches Engagement werden sowohl von Studenten als auch von den Doktoranden an erster Stelle erwartet.

          Ein bestimmter, noch festzulegender Anteil der Geförderten soll nach dem Willen Ucars auch nicht muslimischen Glaubens sein, sofern sie sich mit einem Thema des interkulturellen Zusammenlebens mit Muslimen befassen. Allerdings wird es dann darauf ankommen, wie stark die kritische Perspektive dieses Themas ausgeprägt sein darf, um die Bewerbungsrunden zu überstehen. Im Jahr 2014 sollen die ersten fünfzig Stipendiaten aufgenommen werden, davon sollen dreißig studieren und zwanzig Doktoranden sein. Bis 2018 ist ein sukzessiver Aufbau für insgesamt fünfhundert Stipendiaten vorgesehen, wobei der Anteil der Studenten im Vergleich zu den Doktoranden auf 3:1 ansteigen soll. Nach Ablauf der fünfjährigen Anschubphase soll sich das Studienwerk aus der Programmkostenpauschale des Bundesforschungsministeriums und den dann gestiegenen Fördermitteln aus der muslimischen Community vollständig finanzieren.

          Ob die Spenden so reich fließen wie erwartet, wird auch davon abhängen, ob die unterschiedlich geprägten Muslime bei Avicenna weniger konfliktreich zusammenarbeiten als in den Beiräten der Fakultäten für Islamische Theologie, wo es an einigen Orten erhebliche Spannungen gibt. Der Vorstand ist nicht unbedingt zu beneiden, weil er die unterschiedlichsten Erwartungen des Staates, der Stiftung und der eigenen Glaubensbrüder erfüllen muss. Es ist absehbar, dass dieses Begabtenförderungswerk zumindest in den ersten Jahren stärker unter Beobachtung stehen wird als die etablierten konfessionellen Werke. Entscheidend wird sein, dass bei akademischen Anforderungen keine Abstriche gemacht werden. Ob dann am Ende nicht doch diejenigen gefördert werden, die es ohnehin geschafft haben, auf das Gymnasium und darüber hinaus zu gelangen, und das hehre Ziel verpasst wird, Chancengleichheit, die es nicht geben kann, zu fördern, bleibt abzuwarten.

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