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Multitasking : Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?

  • -Aktualisiert am

Überlastete Schaltzentrale des Denkens: die Vernetzungsfähigkeit der Nervenzellen ist in der Datenflut einer ständigen Belastungsprobe ausgesetzt Bild:

Das digitale Leben kann vieles erleichtern, aber es fordert einen hohen Preis. Wir meinen, vieles parallel bewältigen und gleichzeitig Mails konzentriert lesen zu können. Die Hirnforschung kommt aber zum gegenteiligen Schluss. Mit Multitasking droht die Verwahrlosung unseres Stirnlappens.

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          Zweifeln hilft beim Lernen, beim Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne ihn kaum denkbar. Darüber hinaus lässt uns diese Geistestätigkeit langsamer altern, da man Entscheidungen bewusster treffen muss, wenn man über den Zweifel den Autopiloten des Handelns und routinierten Denkens verlässt. Bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn an seinen Aufgaben wächst und nicht etwa durch eine Schonhaltung gestärkt wird, ist Zweifeln kognitiv lohnend, eine Geistestätigkeit, die uns nicht verlorengehen sollte.

          Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer – das heißt: aus neurobiologischer und psychologischer Sicht – unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussion zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der digital natives, die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben.

          Sichtbare Unterschiede

          Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Wie bei allen menschlichen Tätigkeiten, die wir intensiv betreiben, verändert sich bei jeder Benutzung das Gehirn, manchmal sogar dauerhaft und oft länger, als wir dies wahrnehmen. Selbst wenn wir eingeübte Tätigkeiten lange nicht mehr ausgeführt haben, behält das Hirn eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivitäten. Aber möglicherweise verändert die Internetnutzung weit mehr als nur unsere Gedächtnisspeicher. Das jedenfalls legen Experimente des Neurowissenschaftlers Gary Small von der University of California in Los Angeles nahe. Seine Ausgangsfrage war simpel: Gibt es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer?

          Das war in der Tat der Fall, vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde. Aber das war gar nicht der Clou des Experimentes: Small und seine Mitarbeiter ließen die Novizen für lediglich fünf Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen. Diese kurze Zeit reicht offensichtlich aus, um die Aktivitätsmuster von Anfängern den Aktivitätsmustern erfahrener Nutzer anzugleichen. Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex – es liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens.

          Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns.

          Vielsurfen schwächt die Kommandozentrale im Gehirn

          Welche Schlüsse kann man aus dem Experiment ziehen? Einerseits ist es erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn es zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern – wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen.

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