https://www.faz.net/-gqz-168nu

Multitasking : Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?

  • -Aktualisiert am

Es ist daher naiv zu glauben, dass man praktisch auf Knopfdruck bereits Wissen erwirbt und mit diesem Wissen dann auch noch kritisch umgehen kann. Der Informationsüberfluss des Internets fördert zwar das Multitasking, aber nicht unser Wissen – er verhindert es.

Machen die neuen Medien intelligenter? In der Tat taugen sie offenbar dazu, bestimmte Aspekte unserer Intelligenz zu fördern. Unsere Fähigkeit, visuelle Muster zu erkennen und einzuordnen, und unser analytisches Denken können profitieren. Zu diesem Befund scheint auf den ersten Blick auch der nach einem neuseeländischen Psychologen benannte Flynn-Effekt zu passen: Die Auswertung von normierten Intelligenztests aus vierzehn Ländern über das gesamte zwanzigste Jahrhundert hinweg ergab durchschnittlich alle zehn Jahre einen Anstieg des Intelligenzquotienten um drei bis fünf Punkte.

Die Intelligenz leidet, obwohl vieles in der Digitalwelt immer leichter wird

Warum werden wir immer klüger? Die Gene scheiden als Antwort aus, dafür verläuft die Entwicklung viel zu schnell. Also bleiben nur Veränderungen der Umwelt, die diese dramatische Zunahme des IQ erklären könnten. Die Entwicklung moderner Medien scheint uns also generell schlauer und nicht dümmer gemacht zu haben. Allerdings ist der Flynn-Effekt in den vergangenen zehn Jahren, in denen Suchmaschinen schneller und das Internet sowie digitale Spiele omnipräsent wurden, ins Stocken geraten: Der Intelligenzquotient steigt nicht mehr an, ja wir sind sogar wieder auf dem absteigenden Ast der Skala. Ist das Gehirn am Ende seiner Trainierbarkeit angelangt?

Wahrscheinlicher ist, dass wir einen falschen Trainer angeheuert haben: Zu viele unserer Aktivitäten in den digitalen Welten scheint unser Belohnungssystem in die Irre zu leiten. Die Konzentrationsfähigkeit wird auf zu kurze Zeiten eingestellt, unsere Sprachkompetenzen verkümmern ebenso wie unsere haptischen Fertigkeiten. Wenn wir etwas berühren und bewegen, beeinflusst das unser kognitives Vorstellungsvermögen mehr, als wir bisher angenommen haben.

Verminderte Empathie

Die Internetnutzung hat auch einen Einfluss darauf, wie genau wir soziale Signale interpretieren können, wie empathiefähig wir sind. Denn auch wir über ein angeborenes System für Nachahmungslernen verfügen und über ein Arsenal an Spiegelneuronen, steht zu befürchten, dass dieses verkümmern könnte, wenn die Fähigkeiten nicht in der frühen Kindheit im sozialen Kontext trainiert werden. Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns ist ein zweischneidiges Schwert: Sie erlaubt, Techniken neu zu erlernen, aber sie führt auch dazu, dass unsere neuronalen Netze, die lange nicht mehr genutzt werden, von anderen Spezialisierungen übernommen werden.

Unsere Internetgewohnheiten drohen also nicht nur unseren Alltag zu verändern, sondern auch unser Denken und möglicherweise unser Mitgefühl sowie unsere Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wir brauchen einen realen Strom an Eingangssignalen von anderen Menschen, um die menschlichste aller Tätigkeiten – zu ergründen, was andere Menschen denken und fühlen – so gut wie möglich auszuführen. Das Internet hat sich hier in vielen Studien nicht als adäquater Ersatz erwiesen.

Aufgabe eines interdisziplinären Wissenschaftskonsortiums sollte es nun sein zu beurteilen, wo der Schein der Effektivität in Wirklichkeit Sucht und Ineffektivität erzeugt. Wir müssen klären, wo und wie Medien geschaffen sein sollten, damit sie unser Denken fördern. Dies kann man nicht der Macht des Faktischen oder kommerziellen Interessen allein überlassen. Stattdessen sollten wir in unseren Köpfen den Zweifel ebenso fördern wie die Kreativität, diese wunderbar sympathische Tätigkeit unserer Gehirne. Gerade um des Fortschritts willen ist der Zweifel wichtiger denn je.

Weitere Themen

Topmeldungen

Friedrich Merz bei einem Auftritt in Thüringen

CDU-Parteivorsitz : Merz: Keine Frauen? Kein Problem!

Friedrich Merz hält es für unproblematisch, dass sich bislang keine Frauen für den CDU-Vorsitz bewerben. „Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, wenn nach zwei Jahrzehnten mal wieder ein Mann CDU-Vorsitzender wird.“

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.