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Motive der Forschung : Ist der Kandidat denn auch gut vernetzt?

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Die Wissenschaft braucht wieder mehr versenkte Forscher statt umtriebiger Karrierearbeiter: Quellenstudium an der Universität Köln Bild: dpa

Was ist für Forscher am wichtigsten? Einst war „Neugierde“ die einschlägige Antwort. Heute wird sie oft durch „Netzwerke“ ersetzt. Über eine Motivverschiebung.

          6 Min.

          Die Curiositas war und ist die entscheidende Triebfeder der modernen Wissensgesellschaft. Bis ins 18. Jahrhundert hinein bedeutete die Neugierde eine Todsünde. Aus der Perspektive der Kirchen entsprang sie einem Verstoß gegen das göttliche Privileg der Allwissenheit. Der Schwarzkünstler Johann Faust paktiert mit dem Teufel, weil er vom Verlangen nach Überschreitung der Grenzen seiner beschränkten irdischen Kenntnisse getrieben wird. Die Historia von 1587 - der Roman eines anonymen Autors - erzählt uns die Geschichte Fausts als Exempel in warnender Absicht. Fausts Neugierde ist eine Todsünde, für die es keine Entschuldigung, keine Entschuldung gibt.

          Hans Blumenberg hat gezeigt, wie sich die wissenschaftliche Modernisierung im Europa der Frühen Neuzeit über die Entfaltung der theoretischen Neugierde als gleichsam häretischer Prozess ausbildet. In dem Maße, in dem sich die Curiositas aus dem Bannkreis der kirchlichen Verbote befreien konnte, trieb sie eine Bewegung voran, die das Denken der Welt im wissenschaftlichen Maßstab ermöglichte.

          Von Giordano Bruno über Kant bis zu Alexander von Humboldt verläuft eine Deutungslinie durch die neuere abendländische Wissensgeschichte, die Erkenntnis über das Konzept der Suche definiert. Es ist intrinsisch getragen, insofern es von innen nach außen, vom persönlichen Interesse zum Verständnis von Natur und Metaphysik führt. Am Anfang steht das subjektive Motiv, am Ende ein belastbares objektives Resultat; darauf beruht die spezifisch neuzeitliche Programmatik der Erkenntnissuche. Den eigentlichen Weg zum Wissen bahnen dann die Methoden, die in verschiedenen Techniken, Verfahrens- und Argumentationsformen manifest hervortreten.

          Die Dynamik des forschenden Verstandes

          Wissenschaftliche Neugierde ist eine Einstellung, die das Verhältnis des Forschers zur Sache regelt. Stets bedeutet sie die Lizenz zur Überschreitung geltender Grenzen und Normen. Neugierde begnügt sich nicht mit dem Erkennen des Status quo, sondern richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Hinterbühne des Welt-Geschehens, auf die verborgenen Ursachen und Mechaniken seines Arrangements. In diesem Sinne gehorcht sie dem Gesetz der Kritik: sie erweist sich als genuin aufklärerisches Muster der Selbstermächtigung des forschenden Verstandes, der sich äußerlichen Normen, Spielregeln und Konventionen, aber auch materiell begründeten Limitierungen und Markierungen entzieht. Moderne Forschung ist seit der europäischen Aufklärung durch die Dualität von subjektiver Motivation und permanenter Dynamik gekennzeichnet. Ihre besondere Qualität entsteht aus dieser doppelten Prägung, die persönliche und sachliche Beweggründe für wissenschaftliches Denken verbindet.

          In der Moderne ist die Neugierde die Garantin aller zukünftigen Wissenschaft. Was aber bleibt in der gegenwärtigen Wissensgesellschaft tatsächlich von ihr erhalten? Betrachtet man die Programmatik aktueller akademischer Karriereplanungen, so lässt sich sagen: Neben der Förderung von Strukturen und Projekten wird bei der Qualifizierung junger Wissenschaftler zu wenig auf die Pflege und Entwicklung der Neugierde als Erkenntnisprinzip geachtet.

          Die Welt ständiger Gegengeschäfte

          An ihre Stelle tritt eine pragmatische oder strategische Ausrichtung an wissenschaftlichen Zielen, die als karriererelevant eingestuft werden. Die Befassung mit solchen Zielen ersetzt nicht selten die intrinsische Motivation. Der akademische Nachwuchs wird zunehmend auf die Instrumente der Kommunikation, Vermarktung und Vernetzung orientiert. Die Werbung für die eigene Person steht im Vordergrund und beeinflusst das öffentliche Auftreten. Publikationen und Forschungsvorhaben unterliegen in diesem Zusammenhang externen Zwecksetzungen, weil sie zu Elementen individueller Werbekampagnen degradiert werden.

          Netzwerke sind, wie Jürgen Osterhammel in seiner großen Studie "Die Entdeckung der Welt" erläutert, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Entstanden durch die Systeme technischer Versorgungseinrichtungen, die Haushalte an zentrale Energiequellen anschlossen, entwickelte sich das Netzwerk in der Moderne zunehmend zu einem Modell der Kommunikation.

          In diesem Sinne sind Begriff und Konzept des Netzwerks heute Zeichen für den Anspruch des handelnden und denkenden Individuums, sich auf der Höhe des technisch Möglichen in globale Prozesse der Kommunikation einzuschalten. Allerdings sollte damit kein purer Selbstzweck-Charakter im Sinne persönlicher Imagepflege verbunden sein. Wer sich vernetzt, nutzt sein Wissen über Menschen und Sachen, indem er Informationen in der Erwartung streut, auf diese Weise "Gegenleistungen" zu erhalten, die seinen Kenntnishorizont erweitern. Das ist kein Widerspruch zu wissenschaftlicher Forschung, sondern begünstigt sie erheblich.

          Vernetzungsgrad als Qualifikationsausweis

          Ein Missverhältnis entsteht erst, wenn Vernetzung schon als Wert betrachtet wird, ohne Ansehung ihrer Resultate. Die reine Kommunikation kann allein strategischer Natur sein, wenn sie Vorteile bei Bewerbungen, eine bessere Plazierung des eigenen Namens oder der aktuellen Projekte anstrebt. Im akademischen Betrieb spielen solche Ziele zunehmend eine wichtigere Rolle. In Berufungskommissionen wird, gerade von Jüngeren, "gute Vernetzung" als Ausweis wissenschaftlicher Qualifikation gewertet. Was eine solche Vernetzung genau bedeutet, hinterfragt man nur selten.

          Entscheidend ist die Tatsache, dass die betreffenden Bewerber über vielfältige Kontakte verfügen, die bei der Beantragung künftiger Drittmittelprojekte und bei der Sicherung strategischer Perspektiven eine wesentliche Rolle spielen. Individuelle und institutionelle Karriereplanung ist an diesem Punkt in einem Missverständnis befangen. An den Platz sachbezogener Neugierde tritt das Selbst-Marketing, das von externen Zwecken beherrscht wird. Die Verständigung über Forschungsresultate, die heutzutage in Netzwerken geschehen muss, findet sich ersetzt durch die Bildung von Agenturen zur Beförderung von Karrieren oder Antragserfolgen.

          Coaching, Mentoring, Networking

          Netzwerke sind als Formen der Forschungskooperation unabdingbar für die Wissenschaftsorganisation. Aber Vernetzung ist nur ein Werkzeug zur logistischen Entwicklung, ohne aber schon Erfolgsgarant zu sein. Wissenschaftler, die individuelle Vernetzung bereits für gleichbedeutend mit Steigerung ihrer Forscherqualifikation halten, verwechseln Strategie mit Taktik. Nicht zuletzt verraten sie das Prinzip der intrinsischen Motivation an ein externalisiertes Anreizmodell. "Ich bin so gut, wie meine Reputation", lautet hier das Credo. Das akademische System sollte an dieser Stelle umsteuern und Sorge dafür tragen, dass solche Tendenzen nicht unterstützt, sondern unterbunden werden.

          Anzusetzen ist bei den akademischen Junioren, in den Graduiertenprogrammen und Promotionskollegs. Frühzeitig wird hier die Erwartung genährt, dass Netzwerkbildung im Zentrum der Karriereplanung zu stehen habe. Doktoranden, die Publikationen nach rein taktischen Gesichtspunkten anlegen, Zitierkartelle bedienen und frühzeitig "Networking" im Sinne eines Aufbaus von Laufbahn-Agenturen bilden, sind keine Seltenheit. Manche Coaching- und Mentorierungsprogramme für akademischen Nachwuchs leisten dem noch Vorschub.

          Jungen Wissenschaftlern wird dabei suggeriert, dass man überall präsent und dauerhaft ansprechbar sein müsse. Wie die Etablierten organisieren die Junioren Tagungen mit den "richtigen" (also einflussreichsten) Kollegen, verabreden wechselseitig Rezensionen ihrer Arbeiten und praktizieren systematisch Zitatpolitik. Rein quantitative Forschungsmessung und der Fetisch der Sichtbarkeit drohen alle anderen Qualitätskriterien zu verdrängen. Wie kann hier gegengesteuert werden?

          Erstens durch das Pflegen einer alten Sünde, der Curiositas. Zweitens durch eine Förderung der Nebenwege, die dem Zufall als Erkenntnisprinzip größeren Raum gibt. Dazu gehört auch, dass junge Wissenschaftler bei der Suche nach unkonventionellen Lösungen ermutigt werden. Drittens: durch Vorbildfunktionen der etablierten Gelehrten, die schon ihren Doktoranden beibringen müssen, dass man nicht jede Tagungseinladung annehmen und keineswegs dauernd publizieren muss. Denn anstelle von Umtriebigkeit oder Hektik bilden Beharrlichkeit und Ausdauer die entscheidenden Bedingungen wissenschaftlichen Erfolgs.

          Zurück zum ursprünglichen Ziel

          Wie wichtig der nichtsteuerbare Zufall in der Forschung ist, zeigt die Geschichte der neuzeitlichen Wissenschaft immer wieder. Die Biophysik stößt bei der Untersuchung thermodynamischer Prozesse unbeabsichtigt auf Grundgesetze der Entstehung terrestrischen Lebens; die Multivalenz chemischer Bindungen wird in ihrer Bedeutung für die Krebsforschung erkannt, obgleich das Erkenntnisziel zunächst ein ganz anderes war. Vorgänge der Klimaentwicklung, geologische Konstellationen und molekulare Fundamente der Biodiversität werden über Zufälle erschlossen, nicht über strikte Planung.

          Das eben ist das Geheimnis erfolgreicher Grundlagenforschung: dass sie Spielräume für produktive Irrtümer, Assoziationen und Korrekturen bietet. Wissenschaftliche Institutionen müssen Kreativität durch eine Kultur der Entschleunigung unterstützen, die das Prinzip des Zufalls als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses anerkennt. Der mit den Mächten der Hölle verbündete Faustus wird am Ende, nach 24 Jahren, vertragsgemäß vom Teufel geholt, der seinen irdischen Leib zerfetzt und seine Seele ins Feuer schleppt. Heute, vierhundert Jahre nach der "Historia", haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Zum Teufel geht die Wissenschaft nur, wenn sie mit der Taktik paktiert, statt ihre ursprüngliche Aufgabe, Erkenntnis aus Neugierde, ernst zu nehmen.

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