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Motive der Forschung : Ist der Kandidat denn auch gut vernetzt?

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Anzusetzen ist bei den akademischen Junioren, in den Graduiertenprogrammen und Promotionskollegs. Frühzeitig wird hier die Erwartung genährt, dass Netzwerkbildung im Zentrum der Karriereplanung zu stehen habe. Doktoranden, die Publikationen nach rein taktischen Gesichtspunkten anlegen, Zitierkartelle bedienen und frühzeitig "Networking" im Sinne eines Aufbaus von Laufbahn-Agenturen bilden, sind keine Seltenheit. Manche Coaching- und Mentorierungsprogramme für akademischen Nachwuchs leisten dem noch Vorschub.

Jungen Wissenschaftlern wird dabei suggeriert, dass man überall präsent und dauerhaft ansprechbar sein müsse. Wie die Etablierten organisieren die Junioren Tagungen mit den "richtigen" (also einflussreichsten) Kollegen, verabreden wechselseitig Rezensionen ihrer Arbeiten und praktizieren systematisch Zitatpolitik. Rein quantitative Forschungsmessung und der Fetisch der Sichtbarkeit drohen alle anderen Qualitätskriterien zu verdrängen. Wie kann hier gegengesteuert werden?

Erstens durch das Pflegen einer alten Sünde, der Curiositas. Zweitens durch eine Förderung der Nebenwege, die dem Zufall als Erkenntnisprinzip größeren Raum gibt. Dazu gehört auch, dass junge Wissenschaftler bei der Suche nach unkonventionellen Lösungen ermutigt werden. Drittens: durch Vorbildfunktionen der etablierten Gelehrten, die schon ihren Doktoranden beibringen müssen, dass man nicht jede Tagungseinladung annehmen und keineswegs dauernd publizieren muss. Denn anstelle von Umtriebigkeit oder Hektik bilden Beharrlichkeit und Ausdauer die entscheidenden Bedingungen wissenschaftlichen Erfolgs.

Zurück zum ursprünglichen Ziel

Wie wichtig der nichtsteuerbare Zufall in der Forschung ist, zeigt die Geschichte der neuzeitlichen Wissenschaft immer wieder. Die Biophysik stößt bei der Untersuchung thermodynamischer Prozesse unbeabsichtigt auf Grundgesetze der Entstehung terrestrischen Lebens; die Multivalenz chemischer Bindungen wird in ihrer Bedeutung für die Krebsforschung erkannt, obgleich das Erkenntnisziel zunächst ein ganz anderes war. Vorgänge der Klimaentwicklung, geologische Konstellationen und molekulare Fundamente der Biodiversität werden über Zufälle erschlossen, nicht über strikte Planung.

Das eben ist das Geheimnis erfolgreicher Grundlagenforschung: dass sie Spielräume für produktive Irrtümer, Assoziationen und Korrekturen bietet. Wissenschaftliche Institutionen müssen Kreativität durch eine Kultur der Entschleunigung unterstützen, die das Prinzip des Zufalls als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses anerkennt. Der mit den Mächten der Hölle verbündete Faustus wird am Ende, nach 24 Jahren, vertragsgemäß vom Teufel geholt, der seinen irdischen Leib zerfetzt und seine Seele ins Feuer schleppt. Heute, vierhundert Jahre nach der "Historia", haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Zum Teufel geht die Wissenschaft nur, wenn sie mit der Taktik paktiert, statt ihre ursprüngliche Aufgabe, Erkenntnis aus Neugierde, ernst zu nehmen.

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