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Mobilitätsforschung : Stellt den McDrive doch unter Denkmalschutz!

  • -Aktualisiert am

Der Satz „Alles fließt“ stammt aus einer nichtmotorisierten Kultur, für die unsere gilt bislang eher „Alles Große steht im Stau“: Times Square, Manhattan Bild: Giribas Jose / SZ Photo / Laif

Kurze Wege, weite Reisen? Die Gesellschaft ist weniger mobil, als man denkt. Aber was wird aus denen, die gar keinen fahrbaren Untersatz haben? Über den Strukturwandel der Mobilität.

          In vielen hochentwickelten Ländern lässt sich in den vergangenen Jahren eine überraschende Entwicklung beobachten: Die Nachfrage nach Personenverkehr stagniert, ist mancherorts rückläufig. Die Menschen sind weniger - oder doch zumindest nicht zunehmend mehr - unterwegs. Das ist, nach einem Jahrhundert des unaufhaltsam erscheinenden, rasanten Verkehrswachstums, eine Sensation. Vor allem unter jungen Erwachsenen lassen sich eine Abkehr vom Auto und ein Rückgang der täglich gefahrenen Kilometer feststellen. Dagegen werden alte Menschen zunehmend mobiler. Die zwischen Jung und Alt unterschiedlichen Entwicklungen haben ihren Ursprung unter anderem in den Lebensumständen der jeweiligen Kohorten. Die Menschen, die heute ins Rentenalter kommen, sind bereits mit relativ hoher Mobilität sozialisiert worden: Der erste VW Käfer, der erste Urlaub an der Adria, die erste Flugreise nach Übersee sind kollektive Erfahrungen dieser Generation.

          Vor den Hintergrund solcher biographischer Erfahrungen ist die Abnahme der Mobilität unter jüngeren Erwachsenen besonders bemerkenswert. Die prägenden Dinge sind jetzt eher: Internet, Interkontinentalflüge, Facebook, Smartphone. Wenn sich dies ins mittlere bis höhere Alter fortsetzt, breitet sich der Rückgang alltäglicher Pendel-, Einkaufs- oder Freizeitwege vielleicht zukünftig in die Gesamtbevölkerung aus.

          Historisch kurze Phase des Preisverfalls

          Das Stichwort „Interkontinentalflüge“ deutet allerdings an, dass der Rückgang an zurückgelegten Kilometern im Alltag kompensiert, vielleicht auch überkompensiert wird durch globale Reisen. Die Freundin in Neuseeland, der Freund in Kanada, die Tante in Australien fordern Besuche. Demgegenüber muten das Popfestival in England, das Auslandssemester in Frankreich oder das Praktikum in Spanien schon fast beschaulich-regional an. Der Stagnation der alltäglichen Wege steht ein massiver Zuwachs an Fernverkehr gegenüber.

          Diese Entwicklung kann aber nicht in die Zukunft fortgeschrieben werden. Die „Elektromobilität“ wird sich noch lange auf Bodenfahrzeuge beschränken. Die zu Land erzielbaren Geschwindigkeiten und die Kapazitäten der Batterien begrenzen die Reichweiten. Fernreisen basieren auf einer historisch kurzen Phase des extremen Preisverfalls im Verkehr, beginnend mit dem Auto und endend mit den Low-Cost-Carriern. Sie können sich aufgrund der begrenzten Ölressourcen im gegenwärtigen Ausmaß nicht ohne weiteres fortsetzen.

          Staus und Reihenhaussiedlungen

          Eine kaum weniger epochale Entwicklung kommt hinzu. Nachdem Deutschland wie auch andere wohlhabende Länder ein halbes Jahrhundert lang, in Amerika noch länger, von den Zentrifugalkräften der Suburbanisierung geprägt war, wird seit einigen Jahren eine beginnende Reurbanisierung beobachtet. Dies wäre ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel. Zuletzt strömte die ländliche Bevölkerung während der Hochphase der Industrialisierung massenhaft in die Städte. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stellte sich die Frage nicht, ob man wegen eines Arbeitsplatzes bei Siemens in Berlin-Charlottenburg lieber nach Charlottenburg ziehen sollte oder doch lieber in die Peripherie der expandierenden Stadt. In den sechziger Jahren bis etwa zur Jahrtausendwende nutzten dagegen weite Teile der Bevölkerung die Möglichkeiten, die sich durch Pkw, Straßenbau und Wohlstand eröffnet hatten, und zogen ins Umland der Städte, verwandelten Dörfer in Vorstädte und den ländlichen in einen suburbanen Raum, bis hin zu den „Exurbs“ weit draußen auf dem Land.

          Sie erzeugten nicht nur Staus und Flächenfraß, Einfamilienhaus- und Reihenhaussiedlungen, sondern lebten auch ein spezifisches Ideal, das von innerfamiliärer Arbeitsteilung, geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen und entsprechenden Wohnwünschen geprägt war. „Meine Frau hat es nicht nötig zu arbeiten“ - das bringt ein Leitbild auf den Punkt, das aus heutiger Sicht nicht nur lauschig-warme Wohlstandsgefühle erzeugt.

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