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Gespräch mit Michael Kleeberg : Wenn Alarmlampen aufblinken

Die Universität habe vor seinen Vorlesungen keine inhaltlichen Bedenken geäußert, sagt Michael Kleeberg. Bild: dpa

Schriftsteller Michael Kleeberg erregte während seiner Frankfurter Poetikdozentur das Publikum und auch die Universität. Wie konnte es dazu kommen? Ein Gespräch.

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          Heute Abend schließen Sie Ihre Frankfurter Poetikdozentur ab. In deren Verlauf haben Sie einige Zuhörer erregt. Was ist geschehen?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist offensichtlich so gewesen, dass etwas verwechselt worden ist. Eine Denkbewegung mit Beispielen ist als eine Eins-zu-eins-Aussage von mir gewertet worden. Meine Vorlesung war so aufgebaut, dass ich an fünf Abenden beschreibe, wie ich zu meinem im Herbst 2018 erscheinenden nächsten Roman gekommen bin, der vom Austausch zwischen dem Nahen Osten und Deutschland erzählt. In dieses Buch sind fünfzehn Jahre Interesse an und Erfahrungen mit dem Nahen Osten und den Leuten dort eingeflossen. Der dritte Teil meiner Vorlesung hieß „Leben und Lesen“, und es ging darum, wie das täglich an einem vorbeitreibende Leben und das Lesen nebenbei – also nicht nur das für die Arbeit am Buch zu Lesende, sondern etwa auch die alltägliche Zeitungslektüre – seinen Weg in die konkrete Schreibarbeit findet.

          Im Rahmen dieser Denkbewegung habe ich beschrieben, wie der Hauptteil der Arbeit am Roman von den Personen, den Ereignissen und den historischen Begebenheiten, die ich erlebt habe, gebildet wird. In diesem Roman erzähle ich vom Zusammenwachsen, der Interkulturalität, dem geistigen Ankommen des „Orients“, lange bevor er physisch hier in Europa ankommt – es wird eine Feier der Verknüpfung und der gegenseitigen Befruchtung. Doch in dieses Projekt hinein spielen die Nachrichten aus der dortigen Region, die nicht ausgeblendet werden können, als da sind der dschihadistische Terror oder die Flüchtlingskrise. Ich habe in der Vorlesung beschrieben, wie der Künstler in mir und der Staatsbürger darüber in einen produktiven Konflikt geraten.

          Sie haben in Ihrer dritten Vorlesung gesagt: „Meiner Generation in Deutschland war es nicht an der Wiege gesungen, dass wir uns irgendwann im eigenen Land mit dem Islam würden auseinandersetzen müssen. Er war das Fremde an sich und weit weg.“ Deutschland fehle zum Einwanderungsland das Selbstverständnis. Sollte das eine politische Stellungnahme sein?

          Nein, sondern ebendie Beschreibung meiner Denkbewegung. Ich finde einiges an dem, was politisch passiert, zum Beispiel, wie Deutschland die Flüchtlingskrise gemanagt hat, nicht gut. Ich stelle mir die Frage, wie es kommt, dass andere anerkannte Demokratien sich weigern, Menschen einzulassen, oder nur lächerliche Kontingente akzeptieren, während Deutschland eine Million Menschen aufnimmt. Ich höre Stimmen aus meinem Umfeld, Erfahrungsberichte darüber, dass sich das sehr schwierig gestaltet. Und ich habe ausgeführt, dass der Schriftsteller diese Schattenseiten mit ins Kalkül ziehen muss. Doch zugleich schreibe ich keinen apokalyptischen Horrorroman, sondern einen der beiderseitigen Gastfreundschaft. Denn ich habe festgestellt, dass mich als Schriftsteller der einzelne Mensch bewegt. Irgendwelche Massenphänomene kann man als falsch ansehen, aber der einzelne Mensch ist nie falsch.

          Was hat dann die Irritation über Ihre Vorlesung ausgelöst?

          In dieser dialektischen Denkbewegung sind Sätze gefallen, die bei irgendwelchen Leuten im Publikum – ich weiß nicht, bei wie vielen – Alarmlampen haben aufblinken lassen, nach dem Motto: Darf man solche kritischen Fragen stellen, die eventuell auch den Beifall der Falschen auslösen können?

          Sie haben dann von der Organisatorin der Poetikdozentur, der Germanistin Susanne Komfort-Hein, gehört, dass es „Missstimmungen oder Missverständnisse“ gegeben habe. Ihrer vierten Vorlesung wurde daraufhin eine Vorbemerkung von Frau Komfort-Hein vorangestellt, die sich im Namen der Universität von Ihren Ausführungen der Vorwoche distanzierte. Das ist ungewöhnlich.

          Die Universität, so hieß es, müsse sich dazu verhalten, weil sie kein neutraler Ort sei. Es gebe Diskussionsbedarf. Was Frau Komfort-Hein sagen würde, wurde mir vorher nicht mitgeteilt. Ich war irritiert über diesen Vorgang und wusste nicht, was mich erwartete.

          Deshalb habe ich meinerseits der vierten Vorlesung eine Bemerkung vorangestellt, die noch einmal ausführlich deutlich machte, was ich in der Vorwoche gesagt hatte, und mit der ich mich gegen auch nur den Verdacht einer politischen Anschuldigung verwahrte. Dann stand aber noch die Frage nach Diskussion im Raum.

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