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Streit an der Uni Konstanz : Wie frei ist Meinung?

Es kracht gewaltig: An der Universität Konstanz ist nach Axel Meyers Polemik in der FAZ ein heftiger Meinungsstreit entbrannt. Bild: Reuters

Faulheit und Betrug als Regelfall? Die Polemik eines Professors über das Verhalten von Studenten sorgt in der Universität Konstanz für Aufregung. Die Reaktionen des Rektors sind bedenklich.

          Ein Biologe der Universität Konstanz, Axel Meyer, schreibt einen Artikel. Ihm missfällt das Verhalten jener Studenten, die sich zu hohen Anteilen vor Prüfungen krankmelden, die in seinen Klausuren täuschen, sich keine Lehrbücher zulegen, das Studium als eine Art Hindernisparcours verstehen, den zu überwinden alle möglichen Vermeidungshandlungen geboten sind. Ihm missfällt auch, dass die deutschen Universitäten lax prüfen: Klausur, Nachklausur, bei Nichtbestehen Anspruch auf mündliche Prüfung. Ihm missfällt überhaupt, dass es leichtgemacht wird, nicht zu leisten, was verlangbar wäre.

          Der Biologe vergleicht die hiesige Mentalität mit der in den Vereinigten Staaten, wobei er dabei zum Vergleich die besten der dortigen Hochschulen heranzieht, nicht den Durchschnitt. Denn er unterrichtet selbst an einer, der Exzellenz attestiert wurde. Auf die Rolle der Professoren geht er nicht ein. Vermutlich weiß er trotzdem, wie viele sich inzwischen in den Vorlesungen vertreten lassen, sich für Kongresse Abwesenheiten genehmigen, sich wegen Exzellenz in der Lehre entschuldigen lassen, überhaupt die Forschung interessanter finden als das Seminar.

          Noteninflation – ein internationaler Trend

          Die Lehre wird nicht nur hierzulande systematisch vernachlässigt. In ihren Untersuchungen über „begrenztes Lernen“ an amerikanischen Universitäten weisen die Soziologen Richard Arum und Josipa Roksa darauf hin, dass es nicht selten eine unausgesprochene Verabredung zwischen Studierenden und Lehrenden gibt: Lasst ihr uns in Ruhe, lassen wir euch in Ruhe („Academically Adrift: Limited Learning on College Campuses“, Chicago 2012). Die Noteninflation ist ein internationaler Trend.

          Der Autor hat also kräftig formuliert und weggelassen, was er für seine Beschwerde nicht gebrauchen kann. Auch seine implizite These, die Laxheit hierzulande entspreche der wohlfahrtsstaatlichen Einrichtung des Studiums, ist ein Holzschnitt. So etwas nennt man Polemik. In einer Universitätswelt wie der deutschen, in der ein Reformunfug auf den nächsten folgt, ohne dass die Professoren, die nachher und hinter vorgehaltener Hand immer klagen, vorher und offen jemals etwas dagegen gesagt hätten – von den Rektoraten ganz zu schweigen –, ist das eine selten gewählte Gattung. Unsere Sache wird alle Tage besser – so lautet vielmehr der hochschulpolitische Refrain, ergänzt um den Vers, alles würde gut, wenn nur mehr Geld da wäre.

          Hindernisparcours der Meinungen

          Wie reagiert man auf eine solche Polemik? So, wie es manche Konstanzer Studenten getan haben, die den Professor an seine eigene Lehre erinnern. Oder fragen, ob die Klausuren-Menge in manchen Fächern nicht das Bild vom Hindernisparcours rechtfertigt. Ob die alten Lehrbücher wirklich weggeworfen werden, anstatt sie an Studierende abzugeben. Meinung gegen Tatsache, Meinung gegen Meinung. Wenn dabei in die Welt gesetzt wird, Meyer habe behauptet, in Konstanz könne man sich zweimal prüfen lassen und dann die bessere Note heraussuchen, handelt es sich um den erwartbaren Ablauf öffentlicher Debatten: Wenn eine Seite es nicht genau nimmt, fühlt sich auch die andere nicht mehr dazu verpflichtet. Meyer hat vieles behauptet, aber das nicht.

          Wie aber reagiert nun die Universität? Ihr Rektor, der Physiker Ulrich Rüdiger, entschuldigt sich bei der Öffentlichkeit für die Aussagen Meyers, obwohl dieser nur für sich und nicht für die Universität gesprochen hat. Außerdem teilt Rektor Rüdiger öffentlich mit, disziplinarische Maßnahmen gegen Meyer zu prüfen. Zwar sagt die Pressesprecherin der Universität laut Südwestrundfunk (SWR), dem Professor stünden solche Meinungsäußerungen frei, die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut und der Vorfall werde für ihn keine persönlichen Konsequenzen haben.

          Doch kurz danach ändert der SWR den Text auf seiner Website. Kurioserweise hatten die erste und die zweite Fassung des Textes dieselbe Uhrzeitangabe, aber jetzt steht da, die Universität werde die Prüfung solcher Konsequenzen davon abhängig machen, ob bei Klausuren tatsächlich betrogen werde. Man stellt sich also vor, Meyer habe sich das vielleicht ausgedacht? Es wäre interessant, die Motiv-Vermutung zu kennen, die dem zugrunde liegt.

          Denken in Reflexen

          Wenn Rektor Rüdiger seinen Kollegen attackiert, er beschreibe die Studierenden und Mitarbeiter aller Hochschulen „pauschalisierend“, was sie nicht verdienten, fragt man sich überdies, welchen Artikel er gelesen hat. Den Meyer, der seine Kritik mit dem Satz einleitet „Meine Universität hat gute Studenten“? Den, der seine Kritik abschließt mit dem Satz „Ich will nicht alle Studenten über einen Kamm scheren“, viele seien klug, fleißig, motiviert und ehrlich? Und den, in dem das Wort „Mitarbeiter“ gar nicht vorkommt, weil Meyer – man könnte es beklagen – zu den Lehrenden gar nichts sagt?

          Wer pauschalisiert und desinformiert hier? Und wer denkt in Reflexen? An der Universität Konstanz gibt es ein Exzellenzcluster des Titels „Kulturelle Grundlagen der Integration“. Wir schlagen als Forschungsthemen vor: Neigen manche Rektoren zu einem überintegrierten Organisationsverständnis, und was sind die kulturellen Grundlagen des Meinungsstreits an Universitäten?

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