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Medizinstudium : Die Inflation der Spitzenzeugnisse

  • -Aktualisiert am

Überfüllter Präparationssaal an der Universität Münster Bild: Daniel Pilar

Früher war alles so einfach: Mit 1,0 konnte man ohne Schwierigkeiten Medizin studieren. Doch inzwischen reicht so mancherorts die Traumnote nicht mehr für das Wunschstudium aus. Der Albtraum mit der Traumnote.

          5 Min.

          Nicola P. wollte schon immer gerne Medizin studieren. Sie ist gerade einmal achtzehn Jahre alt und hat bereits ein Abitur mit der Traumnote 1.0 in der Tasche. Denkbar günstige Voraussetzungen also, dachte sie. Aber Anfang September verschickte die Stiftung Hochschulstart die ersten Zulassungsbescheide für den Studiengang Medizin und eine Zulassung für Nicola war nicht dabei.

          Vermutlich wird sie zum kommenden Semester nicht an ihrer Wunschuniversität studieren können. Mit einem zu erwartenden Numerus clausus von 1,0 muss die Medizinische Fakultät in Münster voraussichtlich selbst Kandidaten mit einem „Einsnuller“-Abitur ohne Studienplatz nach Hause und damit bestenfalls an eine andere Universität schicken. Zu viele Studienbewerber mit dieser Traumnote haben sich für das kommende Wintersemester 2011/12 beworben - fast doppelt so viele, wie die Universität im so genannten Auswahlverfahren der Hochschule (AdH) überhaupt Plätze anzubieten hat.

          Schon die drastische Zunahme der absoluten Zahl an Kandidaten, die ein solches Ergebnis vorweisen können, spricht für einen inflationären Umgang mit diesen Schulnoten. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Schulabgänger in Nordrhein-Westfalen, die eine 1.0 im Abitur erreichten, von 386 im Schuljahr 2004/05 auf 795 im Schuljahr 2009/10 mehr als verdoppelt. Bei ungebrochenem Trend dürften im Abschlussjahr 2010/11 deutlich mehr als 800 dieser Traumnoten allein aus NRW auf den Studienplatzmarkt drängen.

          Damit aber nicht genug. Gerade die Schulabgänger in der hohen Einser-Kategorie verteilen sich nicht gleichmäßig auf alle Studienstandorte, sondern favorisieren die aus ihrer Sicht attraktivsten Universitäten. Dementsprechend kommt es an einigen Fakultäten zu ungeahnt hohen Konzentrationen an Studierenden mit exorbitant guten Abiturnoten. Allein am Studienstandort Münster haben sich zum anstehenden Studienbeginn acht (!) Mal so viel Abiturienten mit einem 1,0 Abitur beworben, als noch zum Wintersemester 2006/7. Damit werden voraussichtlich alle zur Verfügung stehenden Studienplätze im AdH-Verfahren ausschließlich an Studienbewerber dieser Notenkategorie gehen, was dann eben einem Numerus clausus von 1.0 entspricht.

          Die Frage einer falschen Etikettierung

          Dabei war und ist ein solcher Extremwert nie das Ziel eines strategischen Handelns der Hochschule. Allerdings besteht bei den derzeit gültigen Vergabevorschriften kaum eine realistische Chance diesem Trend sinnvoll entgegenzuwirken. Entsprechend Paragraph 32 (5) des Hochschulrahmengesetzes stehen den Hochschulen bei der Auswahl „ihrer“ Studierenden neben der Abiturnote nur vier weitere Kriterien zur Verfügung, wobei der Abiturnote immer ein „maßgeblicher Einfluss“ eingeräumt werden muss. Daher vermögen selbst sehr aufwendige Auswahlverfahren, wie z.B. bei der Durchführung von sehr personalintensiven Auswahlgesprächen, den Numerus clausus bei dieser Bewerbersituation kaum zu senken.

          Letztendlich ist der steigende Numerus clausus nur eine Frage einer falschen Etikettierung. Weder das Bewerberfeld, noch die im Studium erbrachten Leistungen, haben sich wesentlich geändert. Demgegenüber ist die Tendenz „diese 1,0-Kandidaten“ für den aktuell viel zitierten Landärztemangel verantwortlich zu machen, vollkommen haltlos. Die Generationen der Ärzte, die derzeit den Arbeitsmarkt bestimmen, stammen aufgrund der langen Ausbildungszeit noch aus Zeiten ganz anderer Notengrenzen. Bei sechs Jahren Studium und angenommenen vier bis sechs Jahren Facharztweiterbildung dürften die potentiellen Kandidaten für eine Niederlassung um die Jahrtausendwende angefangen haben zu studieren. Damals galten noch ganz andere Vergaberegularien auf Seiten der ZVS und der Numerus clausus lag in ganz anderen Dimensionen.

          Die Gründe für den Berufswunsch haben sich gewandelt

          Abgesehen davon gaben in einer aktuellen Befragung von mehr als zweitausend Studienplatzbewerbern der Medizinischen Fakultät Münster rund dreißig Prozent der Kandidaten mit einem Abitur von 1.0 die spätere Niederlassung als Berufsziel an. Damit unterscheiden sich die Berufswünsche dieser Abiturienten nicht im geringsten von denen anderer Notenkategorien.

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