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Medizin : Nobelstiftung im Zwielicht

Humane Papillomviren unter dem Elektronenmikroskop Bild: dpa

In Schweden sind Vorwürfe gegen die Nobelstiftung laut geworden. Es geht um den diesjährigen Medizin-Nobelpreis. Hat ein Pharmaunternehmen die Entscheidung für den deutschen Nobelpreisträger beeinflusst?

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          Über den diesjährigen Medizin-Nobelpreisen legt sich ein neuer Schatten, und diesmal ein möglicherweise besonders bedrohlicher. Schon vor zwei Monaten wurde die Entscheidung zugunsten der beiden französischen Aidsforscher Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier von führenden Virologen kritisiert. Die Jury hätte den Amerikaner Robert Gallo mit auszeichnen müssen, hieß damals der Vorwurf (siehe Gespräch mit dem Virologen Reinhard Kurth über die Forderung nach einer Nobelpreisreform).

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jetzt geht für die Nobelstiftung in Schweden aber nicht um berufsständische, sondern um handfeste, strafrechtlich relevante Vorwürfe. Radio Schweden hatte pünktlich zur Nobelpreis-Verleihung in Stockholm einen Beitrag gesendet, in dem die Oberstaatsanwaltschaft mitteilt, man „prüfe derzeit“, ob Vorermittlungen gegen die Nobelstiftung eingeleitet würden.

          Keine Vorwürfe gegen den deutschen Nobelpreisträger zur Hausen

          Konkret geht es um Verbindungen des Medizin-Nobelpreiskomitees und der Nobelstiftung zur britisch-schwedischen Firma Astra Zeneca, die nach dem Erwerb von „Med-Immune“ in Gaithersburg Patente an dem Impfstoff gegen Humane Papillomviren (HPV) besitzt. Die Vakzine wird als ein historischer Meilenstein angesehen, als die erste gezielte Impfung gegen Krebs. HP-Viren sind wesentlich an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs - weltweit immerhin die zweithäufigste Krebsart bei Frauen - beteiligt. Diese Entdeckung geht wesentlich auf die Arbeiten des Heidelberger Krebsforschers Harald zur Hausen und seinem Team am Deutschen Krebsforschungszentrum zurück. Und dafür hat zur Hausen jetzt auch in Stockholm aus den Händen des schwedischen Königs den zweiten Teil des Medizin-Nobelpreises - neben dem Preisanteil für die Aidsforschung - entgegen genommen. Gegen Harald zur Hausen gibt es keinerlei Vorwürfe.

          Nobelpreisträger 2008 Harald zur Hausen

          Allerdings wird mit der Veröffentlichung des Beitrags im Schwedischen Radio die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass die Entscheidung zugunsten des deutschen Nobelpreisträgers möglicherweise nicht ohne Einflussnahme des HPV-Patentinhabers Astra Zeneca gefallen ist.

          Verbindungen von Astra Zeneca zur Stiftung

          Um zwei direkte Verbindungen geht es dabei: Einer der mehr als zwei Dutzend Jurymitglieder im diesjährigen Nobelkomitee, Bo Angelin, ist Verwaltungsrat von Astra Zeneca. Gegenüber dem Radiosender in Stockholm hat er bestätigt, tatsächlich für die Verleihung an den deutschen Virologen votiert zu haben. Allerdings sei ihm dabei nicht bewusst gewesen, dass die Firma von der Nobelpreis-Zuerkennung an den HPV-Pionier profitieren könne.

          Auch der Vorsitzende des Nobelkomitees, Bertil Friedholm, soll Verbindungen geahnt haben: Die Rede ist von zwei früheren Beratungsaufträgen für den Pharmakonzern. Ob die beiden Jurymitglieder aktiv ein Votum zugunsten der HPV-Forschung zur Hausens forciert haben, welche Rolle sie überhaupt in der Diskussion gespielt haben, ist bis jetzt unbekannt. Die Protokolle des Nobelkomitees werden laut Satzung nicht veröffentlicht.

          Neben diesen eher mittelbaren Verbindungen, gibt es auch direkte Verbindungen von Astra Zeneca zur Stiftung: Wie deren Sekretär, Hans Jörnwall, dem Radiosender gegenüber bestätigte, ist die Pharmafirma Hauptsponsor zweier Firmen der Nobelstiftung. „Nobel Media“, die die Vermarktung der Medienrechte übernommen hat, sowie „Nobel Webb“, die für den Betrieb der Nobelpreis-Homepage verantwortlich zeichnet. Belastet wird die Stiftung zudem von Hinweisen, wonach China-Reisen der Nobelmitglieder-Versammlung von chinesischen Gastgebern bezahlt worden sein sollen. Angeblich geht es nach schwedischem Recht dabei um den Vorwurf der Bestechlichkeit. Aber auch in diesem Fall handelt es sich noch um Vorprüfungen, konkrete Ermittlungen gibt es noch nicht, wie es von der Oberstaatsanwaltschaft heißt.

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