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Digitalisierung der Lehre : Die Neuerfindung des Hörsaals

Lieber im Bildschirmwinkel als auf dem Katheder: Jürgen Handke im digitalen Element vor Marburger Universität Bild: Bildmontage F.A.Z., Fotos Youtube, Andreas Pulwey/F1 online Bildagentur RM

Der Marburger Anglist Jürgen Handke bringt die digitale Lehre im „inverted classroom“ auf neuesten Stand. Bücher sind hier überflüssig. Professoren sind als Berater gefragt.

          5 Min.

          Der Hörsaal +1/0020 der Universität Marburg wurde nicht geschaffen, um die Vorurteile gegenüber der analogen Lehre zu widerlegen. Rund achtzig Studenten sitzen in einem schmuck- und fensterlosen, von Neonröhren schummrig beleuchteten Raum, wenig deutet darauf hin, dass sie Teil eines der avanciertesten digitalen Lehrkonzepte sind. Wäre es für sie nicht bequemer, den Stoff zu Hause auf dem Sofa durchzuarbeiten, mit Videos und Online-Tests, über die sie mit ihren Freunden in Facebook-Gruppen diskutieren? Und wäre es nicht effektiver, sie mit einer Lernsoftware zu unterrichten, die speziell darauf programmiert ist, ihre individuellen Wissenslücken zu trainieren?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Konzept des inverted classroom, das der Marburger Anglistikprofessor Jürgen Handke vor zwei Jahren nach Marburg brachte, um dem Frontalunterricht den Sargnagel einzuschlagen, ist all das schon inbegriffen. Wenn Handkes Rechnung aufgeht, haben sich seine Studenten im Virtual Linguistic Campus selbständig auf den Unterricht vorbereitet und werden die Vorlesung gleich nutzen, um das Gelernte im Gespräch mit Professor und Tutoren zu vertiefen. Handke, ein leger gekleideter Mann Anfang sechzig, locker, aber nicht anbiedernd im Auftreten, kam dafür wie immer eine halbe Stunde vor seinen Studenten in den Hörsaal, verkabelte seine Geräte und öffnet jetzt, bevor er zu sprechen beginnt, eine Tabelle auf seinem Tabletcomputer: 62 Prozent kommen vorbereitet. Ein aufbauender Wert.

          In diesem Jahr hat Handke von seiner Universität erreicht, dass alle Studenten im Hörsaal über Netzanschluss verfügen. Sie brauchen ihn für die Handy-Abstimmungen, die fest zur Vorlesung gehören. Nach fünfzehn Minuten heißt es erstmals: „Take up your smartphones!“ Hundert Erstsemester-Studenten der Linguistik stehen vor der Wahl, welcher von vier Fachtermini nicht zu Phonetik gehört. Nummer vier ist richtig: das Hören. Handke lässt mit einem Tastendruck vier Säulen in die Höhe wachsen. Siebzig Prozent Trefferquote! Bei der Selektion ausströmender Gaumenlaute ist das Resultat durchwachsen. „We need to talk about this.“ Später, erst einmal bleibt die Quiz-Einlage ohne Konsequenz. Handke weiß nun, wie weit man ihm folgen kann. Von forschendem Lernen zu sprechen, wäre an dieser Stelle aber viel gesagt.

          Jürgen Handke mit den Lehrmitteln seiner Wahl

          Nach kurzen Einführungen auf dem Podest schweift Handke mit seinen Tutoren unter leicht anschwellendem Geräuschpegel durch die Gänge und mischt sich unter die Studenten. In kleinen Gesprächsinseln plaudert er über Laute und Luftströme in der Mundhöhle. Andere bringen die Zeit mit Basketballvideos über die Runden. Eigentlich bräuchte man die fünffache Zahl an Tutoren. In den ersten Jahren stand Handke von der ersten Sekunde an mitten im Hörsaal. Das ging seinen Studenten zu weit. Die Sequenzen, in denen er das Mikrofon ergreift, sind wohltuend strukturierend.

          Nach dem Unterricht packt Handke seinen Rollkoffer und verstöpselt, zurück im Büro, erst einmal seine Geräte. Studio, sagt er, wäre die bessere Bezeichnung. Eine kleine Armee von Computerbildschirmen und ein Filmset mit Kamera, Leinwand und Reflexschirmen für die Lehrvideo-Produktion bestätigen seine Worte. Was an Büchern übrig blieb, in der Hauptsache Programmierfibeln, befindet sich in einem Wandschrank. Das Übrige ist in den Bauch des Virtual Linguistic Campus gewandert, den Handke mit seinem Lehrstuhl in Eigenregie aufgebaut hat.

          Der Virtual Campus ist ein Kompendium aus Vorlesungen, Übungen und Seminaren, ein Curriculum im Kleinen, bestückt mit Videos, Grafiken, Tests: multi-modal learning units, highly interactive. Nebenbei ist er ein Kontrollmedium. Ein Knopfdruck reicht, um zu sehen, ob sich ein Student mit den Übungen befasst hat. Die Universität Marburg nimmt es leicht mit dem Datenschutz. Anfangs sperrte Handke Accounts, die über Wochen unbenutzt blieben, was ihm schweren Ärger mit der Fachschaft einbrachte. „War ein Fehler“, sagt er zerknirscht. Im Prinzip benötigt er die individuellen Daten aber für den nächsten Schritt: den Übergang zu individuell zugeschnittenen Seminaren, bei denen eine Software auf die Stärken und Schwächen eines Studenten mit individuellen Aufgaben reagiert. Die empirische Bildungsforschung erhofft sich davon viel.

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