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Digitalisierung der Lehre : Die Neuerfindung des Hörsaals

Digitale Lehre als Selfmade-Projekt

Auf dem weiten Feld der Moocs, der Massive Open Online Courses, ist Handke wie nebenbei vertreten. Es war ihm ein Leichtes, seine komplett digitalisierten Seminare auch als Mooc anzubieten, umsonst und, anders als üblich, ohne Testgebühr. Handke schätzt die Moocs wegen ihres Werbewerts, gibt sonst aber nicht mehr viel auf das Lehrkonzept, das vor drei Jahren als neue Heilsbotschaft über den Atlantik kam. Als großer Irrtum stellte sich heraus, dass weltweit Studenten unterschiedlichsten Niveaus ohne Betreuung durch ein einheitliches Modul geschleust werden können. Bis zur gebührenpflichtigen Abschlussprüfung kommen heute nur zwei Prozent der Studenten. Aus Moocs sollen Spocs werden mit kleinen Lerngruppen und vielen Tutoren. Die Betreuung ist jedoch aufwendig. Handke hat bei seinen Seminaren die Feedback-Funktion ausgeschaltet. Seither schläft er ruhiger.

Mit Thesenpapieren zu Online-Strategien lassen sich Hörsäle tapezieren. Seit diesem Jahr scheint man es aber ernst zu meinen mit der virtualisierten Universität. Im September präsentierte das Hochschulforum Digitalisierung, eine von der Hochschulrektorenkonferenz angeführte Allianz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, ein Diskussionspapier, das von jeder Hochschule eine eigene digitale Agenda fordert. Das Studium müsse individuell werden angesichts der an die Universitäten strömenden Massen. (Individuell meint hier den programmatisch erfassbaren Anteil des Individuums.) Das Argument der Kosteneinsparung ist stillschweigend mitgeführt. Universitäten mit einer schlüssigen Online-Strategie? Gibt es wenige, sagt Handke, wenn überhaupt welche. Von den 113 Digitalisierungsprojekten, die von der Bundesregierung mit 240 Millionen Euro aus den UMTS-Lizenzen gefördert wurden, existierten heute noch zwei. Eins davon betreut er selbst.

Musealisierung des Professoren

Handke, der jüngst vom Stifterverband für die Wissenschaft mit dem Ars legendi-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein Selfmade-Professor. Der professorale Habitus ist ihm fremd. Wie viele geisteswissenschaftliche Technikpioniere begann er als Computerlinguist. Sein eigentliches Forschungsgebiet, die Psycholinguistik, hat er aufgegeben. Er lebt, selten genug an deutschen Universitäten, ganz für die Lehre. Mit Sponsorenhilfe und befristet beschäftigten Mitarbeitern betreibt Handke Digitalisierung auf eigene Faust, die Marburger Universität beschränkt ihre Unterstützung auf das Nötigste. Solange die Kompetenz mit befristeten Kräften immer wieder neu aufzubauen ist, sagt er, wird es keine konsequente Digitalisierung geben.

Aus langjähriger Praxis heraus hat Handke einen abgeklärten Blick auf die virtuelle Lehre. Den Studenten, meint er, sei es egal, ob sie mit dem neuesten technischen Spielzeug oder mit Tafel und Kreide unterrichtet werden, solange es bepunktet wird. Von den Dozenten erfordert die Digitalisierung gewaltige Anstrengungen. Sind sie einmal aufgebracht und Vorlesungen in Videos transformiert, stellt sich die nächste Frage: „Was machen die Professoren noch im Hörsaal?“ Wozu noch Phonetik in Gießen, wenn Stars aus Cambridge dasselbe erklären? Handkes Antwort, der inverted classroom, sichert dem Professor eine Stelle als Mentor. In einer nicht zu fernen Zukunft, wenn Studenten von „allwissenden“ Avataren unterrichtet würden, meint Handke, werde aber vielleicht auch das nicht mehr nötig sein. Professoren seien dann vielleicht Museumsstücke, über deren Strickpullover man sich amüsiert.

Digitale Module tragen die Absicht oft im Namen. Wer Seminare Klassenzimmer nennt, sagt auch, was er von einer Universität erwartet. Die nichtautomatisierbaren Dozenten-Reservate, nach denen Handke sucht, sind ja bereits vorhanden, man muss sie nur von Kennziffern und Programmen freihalten. Anschlussverluste haben die Universitäten nicht zu befürchten. Interaktiv ist auch das Seminargespräch.

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