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Leibniz Kolleg Tübingen : Artenschutz für ein akademisches Kleinod

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Gemeinschaft der Lernenden: Seminarstunde im Leibniz Kolleg Bild: Andreas Müller

Das Leibniz Kolleg in Tübingen bildet fernab von Modernisierungseifer junge Generalisten aus. Die Zukunft dieser einzigartigen akademischen Nische ist ungewiss.

          Ein großes weißes Haus, dicht neben dem Hauptgebäude der Universität Tübingen. Unprätentiös steht es am Hang, mit seinem kleinen Garten und einer Holzbank. Die Reformwellen sind einstweilen an ihm vorbeigezogen. Den Besucher empfängt ein mattgoldenes Schild mit der Aufschrift „Leibniz Kolleg“. Darunter klebt ein Sticker: „Zuhause“. Für zehn Monate (von Oktober bis Juli) beherbergt das Kolleg jährlich 53 Studenten für ein gemeinsames „Studium Generale“. Es handelt sich um ein propädeutisches Vor-Studium, all jenen zugedacht, die nach zwölf oder dreizehn Jahren Schule noch nicht so genau wissen, wie es weitergehen soll, einfach einmal Luft holen oder die eigenen Interessen vertiefen wollen, sei es Physik oder Architektur, Kunstgeschichte oder Astronomie, isländische Sagen oder Rhetorik. Aber auch wer schon immer einmal sein eigenes Blut untersuchen (Biochemie), einen Rechtsfall besprechen (Jura) oder mit Wittgenstein an die Grenzen der Sprache stoßen wollte (Wissenschaftstheorie), kommt hier auf seine Kosten.

          Es geht um eine alte Bildungsidee, aber auch um ein alternatives Wohnprojekt. Die Studenten des Kollegs wohnen und lernen unter einem Dach. Das breite Wissensspektrum wird von einer minimalistischen Form zusammengehalten. Das Leibniz Kolleg ist ein in die Jahre gekommenes, dreistöckiges Wohnhaus, in dem die Studenten in der Regel in kleinen Zweierzimmern untergebracht sind; ohne Fernseher und drahtlose Internetverbindung, dafür mit einer Bibliothek, einem gesonderten Computerraum und einem urigen Münztelefon. In einem holzvertäfelten Refektorium findet der Unterricht statt. Creative Writing um acht Uhr c.t. - einige Kollegiaten erscheinen mit zerzausten Haaren und Pyjamahose - Psychologie um zehn, Spanisch um zwölf. Während die einen dann abends noch bei einem Glas Rotwein über unser Planetensystem fachsimpeln (Astronomie), ist eine andere Gruppe bis spät in die Nacht in politische Diskussionen über den Nahostkonflikt vertieft (Politikwissenschaft). Die Dozenten, die meist von der Universität Tübingen kommen, treffen auf ein motiviertes, kollegiales Klima. Obwohl sie im Durchschnitt weniger verdienen als an der Universität, können sie durchaus Gewinn aus der kleinen Bildungskommune ziehen. Ihr Publikum interessiert sich nicht für Creditpoints und Abschlussnoten und leiert auch keine Wikipediareferate herunter. Fernab berufsspezifischer Verschulungsmaßnahmen geht es hier noch einmal um die Sache.

          Lernen und Leben als Einheit: der Vorgarten des Kollegs

          Das akademische Potential, das dieses Haus beherbergt, verdankt sich der Selbstselektion. Für die Aufnahme ist weder ein Test noch ein Numerus Clausus entscheidend. Im Kollegsjahr selbst werden dann zwar Referate gehalten und Hausarbeiten geschrieben, Noten oder Leistungspunkte werden aber nicht vergeben. Die Ausschaltung aller institutionellen Konkurrenzaspekte dürfte der Einheit des gemeinsamen Wohnens und Studierens nur zuträglich sein. Denn neben der Möglichkeit. den leibnizianischen Wissensdurst zu stillen, sind es gerade die Vorzüge einer größeren Gemeinschaft, welche der Kollegiat in einer nicht gekannten Weise zu schätzen lernt. Jeder Jahrgang organisiert sich zu großen Teilen selbst.

          Die Erfahrung, dass Segen und Fluch basisdemokratischer Strukturen dicht beieinanderliegen, bleibt freilich nicht aus. In einem wöchentlich stattfindenden Konvent, in dem die Studenten bevorstehende Veranstaltungen planen, aber auch alltägliche Probleme des gemeinsamen Zusammenlebens besprechen, kann es bei 53 wachen jungen Geistern äußerst kreativ, zuweilen aber auch etwas langatmig zugehen. Eine hauptamtliche Leitung (derzeit in Person von Michael Behal und Reiner Raisch), die auch das letzte Wort bei der Zulassungsentscheidung hat, steht als Ansprechpartner zur Verfügung.

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