https://www.faz.net/-gqz-7718v

Lage des Gymnasiums : Erst verkürzen, dann kompetenzorientiert nivellieren

  • -Aktualisiert am

Etikettenschwindel - Wo Gymnasium drauf steht, ist allzu oft Realschule drin Bild: dpa

Die deutsche Oberschule verkommt immer mehr zu einer Gesamtschule für die obere Hälfte der Bevölkerung. Das Ergebnis ist die „Realschulifizierung“ des Gymnasiums.

          In seinem Beitrag „Erst unterscheiden, dann vereinheitlichen“ belegt der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl, dass die Berufsorientierung des Studiums zu einer Nivellierung der Hochschulstudien geführt habe. Das Präludium zu diesem Requiem auf Humboldt liefert das gymnasiale Schulwesen. Analog zur beklagten „Fachhochschulisierung“ der Universitäten muss nämlich von einer „Realschulifizierung“ der Gymnasien gesprochen werden. Diese äußert sich in schier allen für den Gymnasialkosmos relevanten Bedingungsfaktoren.

          Formal gilt sie schon für die Übertrittsbedingungen. In vielen Bundesländern ist die Wahl der weiterführenden Schulform inzwischen allein Sache des Elternwillens. Auch in Bayern können Schülerinnen und Schüler durch Probeunterricht mit reichlich durchwachsenen Grundschulnoten in Deutsch und Mathematik auf Wunsch der Eltern den Übertritt ans Gymnasium wagen. In schicken Intellektuellenstadtteilen Münchens kann dann schon einmal eine Grundschulklasse komplett ans Gymnasium übertreten.

          Den gymnasialen Inhalten wurde spätestens mit der Einführung von G8 der gymnasiale Zahn gezogen. Wer sich der „lebensweltlichen Öffnung“ der zuvor vermeintlich lebensfern-abstrakten Inhalte widersetzt, bekommt schnell die Macht des Systems zu spüren. Die Schulleitung bangt um die Attraktivität der eigenen Schule im Konkurrenzkampf mit den „einfacheren“ Nachbargymnasien. Die Schulaufsichtsbehörde dräut mit der Unterstützungskeule, so denn die Quote der Klassenwiederholer eine politisch opportune Zweiprozentquote übersteigt. Die Eltern laufen Sturm; Schulleitung, Elternbeirat, Lokalpresse, Kultusministerium - alle nur denkbaren Instanzen werden gegen Lehrkräfte in Marsch gesetzt, die die Karriereplanung einzelner Eltern zu gefährden drohen.

          Echtes „freies“ Schreiben wird nicht mehr erlernt

          Wie also lassen sich auch nicht gymnasialfähige Jugendliche unfallfrei zum Abitur führen? In den modernen Fremdsprachen werden differenzierende durch nivellierende Prüfungsformen ersetzt. Das Diktat des Französischunterrichts darf nur noch im Anfangsunterricht zu Übungszwecken eingesetzt werden. In Prüfungen darf die Diktatnote die Gesamtnote nicht maßgeblich beeinflussen. Eine differenzierte Aufgabenform darf also nur dann eingesetzt werden, wenn sie die Prüfungsergebnisse gerade nicht differenziert.

          Ähnliches gilt für die verpönte Übersetzung in die Fremdsprache. Doch während ein Muttersprachler auf wöchentlich rund siebzig Stunden Sprecherkontakt beim Spracherwerb kommt, sind es beim schulischen Fremdsprachenlernen deren drei bis fünf. Das Ergebnis: Die Notenränder schmelzen an beiden Enden ab. Die Ergebnisse werden nivelliert. Der fremdsprachigen Situation spricht ein solches Vorgehen hohn.

          Teilweise sollen auch Grammatikphänomene nur noch inhärent bei der Textproduktion berücksichtigt werden. Dieses „kreative Schreiben“ bedeutet praktisch nicht selten, dass clevere Schüler sich durch Auswendiglernen des Lehrbuchtextes auf den nur minimal abgewandelten Schreibauftrag der Prüfung vorbereiten, wiewohl sie zu einem echten „freien“ Schreiben zu einem unbekannten oder weniger banalen Thema nicht in der Lage sind. Die aufgeweichten Beurteilungsvorgaben für selbstverfasste Schülertexte sorgen letztlich für die gewünschten Ergebnisse.

          Sprachvermittlung ersetzt die Übersetzung aus der Fremdsprache. Dadurch könnte ein ausgangssprachlich komplexer Text auf einige Aspekte reduziert in der Fremdsprache paraphrasiert werden. Leider sehen ministerielle Vorgaben gerade nicht vor, anregende Texte etwa des Feuilletons zu berücksichtigen. Da die anspruchsvolle Aufgabenform jedoch trotzdem möglichst frühzeitig eingeübt werden soll, werden regelmäßig Kochrezepte oder touristische Kleinanzeigen vorgelegt.

          Am Rotstift traumatisiert nicht die Schrift, sondern die Farbe

          In Mathematik und den Naturwissenschaften gilt es nicht mehr als notwendig, Formeln herleiten oder wenigstens verstehen zu können. „Realschulifizierung“ bedeutet, dass es genügt, Formeln anwenden zu können, zur Not angeleitet von einem Nachhilfelehrer, der die Methode einpaukt, ohne Verständnis erreichen zu können. Dadurch geraten physikalische Phänomene in den Rang von Glaubenswissen, weil die mathematischen Grundlagen zu deren Herleitung laut Lehrplan nicht mehr erarbeitet werden dürfen.

          Hier lernt sich Respektlosigkeitshinnahmekompetenz kinderleicht: Unterrichtscontainer des Frankfurter Gymnasiums Wöhlerschule, Februar 2013

          Die kompetenzorientierte Aufgabenstellung schließlich führt zu bisweilen lächerlichen Verrenkungen, wenn etwa die im Lateinunterricht übersetzte Skythenrede des Curtius Rufus gegen Alexander den Großen im Aufgabenteil einer Lateinprüfung mit der Rede des Britannierfürsten Calgacus gegen die Römer aus Tacitus’ „Agricola“ verglichen werden soll. Damit das Ganze einen „Sitz im Leben“ hat, findet dann der Prüfling im elterlichen Bücherschrank eine zweisprachige Ausgabe des Tacitus und berichtet erstaunt seinen Eltern, dass einige Gedanken aus der Skythenrede des Curtius Rufus bei Tacitus gleich, ähnlich oder verändert wiederkehren. Mit solchen Pirouetten ist inhaltlich nichts gewonnen. Sie reizen höchstens die Schüler zum Lachen.

          Das Referendariat bereitet folglich nicht auf das Abhalten differenzierter Prüfungen vor, sondern rechtfertigt sophistisch gewollten Niveauabbau. Nach wie vor feiern nachgerade absurde Idiosynkrasien dieses oder jenes Seminarlehrers fröhliche Urständ. So verlangt die eine Ausbildungsschule einen vollständigen Verzicht auf schriftliche Leistungsnachweise im Unterricht („Alles nur noch echt mündlich! Es geht schließlich um die kommunikative Kompetenz!“). So verlangt eine andere Ausbildungsschule den Verzicht auf korrektes Sprachniveau („Es geht um die Verständigung im Alltag, also bitte Umgangsfranzösisch!“). So verlangt wieder eine andere Ausbildungsschule Korrekturen in einer anderen als der gängigen roten Farbe, da Rot die Kinder unnötig traumatisiere. Relativ unisono aber wünschen die heutigen Seminarlehrer euphemistisch „Aufgaben mittleren Anforderungsbereichs“.

          Stille Post gilt als Lehrerfortbildung

          Schlechte Ergebnisse liegen nach wie vor am unzureichenden Unterricht der Referendare. Folglich weisen die angstgetriebenen Referendare die gewünschten guten Ergebnisse vor, auch wenn diese inflationär vergebenen guten Noten - wie sich regelmäßig im Folgeschuljahr bei etablierten Lehrkräften erweist - mit dem tatsächlichen Kenntnisstand nur schwach zusammenhängen. Nach dem Einführungshalbjahr erteilen die Referendare an einer Einsatzschule bis zu siebzehn Wochenstunden eigenverantwortlichen Unterricht. Dann zeigt sich den Betreuungslehrern überdeutlich, dass die angehenden Lehrkräfte nicht gelernt haben, mittels sogenannter Distraktoren für leistungsgerecht differenzierte Prüfungsergebnisse zu sorgen.

          Die Schüler sind ihrerseits der häufigen Gruppenarbeiten und anderer motivierender Spielchen eher überdrüssig und versprechen schon einmal Wohlverhalten, wenn nur endlich wieder einmal inhaltlich etwas weiter ginge. Dann wenden sich die pädagogisch wie inhaltlich „weichgekochten“ Referendare hilfesuchend an erfahrene Lehrkräfte und bemerken nach einer Unterrichtshospitation bass erstaunt, dass es für nachhaltigen Lernerfolg im Alltag nicht so sehr auf methodischen Lehrprobenstand, als vielmehr auf Fachwissen, Klarheit und Struktur, auf straffe Klassenführung und freundliche Konsequenz im pädagogischen Umgang ankommt.

          Um aber auch die renitenten Altlehrkräfte zu ihrem neuen Kompetenz-Glück zu zwingen, bieten sich Fortbildungen mit spielerischem Fokus an. So sollen bisweilen die Fortbildungswilligen doch bitte das inhaltliche Material selbst mitbringen, über das dann wortreich, aber ergebnisarm gesprochen wird. Und die Fortbildung eines großen Verlagshauses kann schon einmal darin bestehen, dass fünf Dutzend Akademiker im Raum herumlaufen und sich über ein aus Schmierpapier mit Verlagsemblem gebildetes improvisiertes Hörrohr auf Französisch als stille Post Gerüchte ins Ohr flüstern.

          Sondersitzungen zum Abbau von Sitzungen

          Die Gymnasien als Ganze werden inzwischen regelmäßig evaluiert. Die Kriterien sind selbstverständlich von einer anonymen „Qualitätsagentur“ vorgegeben und alternativlos. Diese Kriterien werden mitleidlos exekutiert. Da keine Schule dem Idealbild der eierlegenden Wollmilchsau entsprechen kann, besteht natürlich „Verbesserungsbedarf“, der in „Zielvereinbarungen“ mit der überwachenden Schulbehörde gegossen wird. Die Lehrkräfte werden durch Zusatzsitzungen belastet.

          Die Atmosphäre an der Schule leidet nicht selten ebenfalls. Für die inhaltliche Vorbereitung eines qualitativ hochwertigen Unterrichts bleibt folglich weniger Zeit. So kann der Wunsch nach „Qualitätsentwicklung“ schon einmal kontraproduktive Ergebnisse bringen. Als an einem Gymnasium festgestellt wurde, dass die Belastung der Lehrkräfte durch Zusatzsitzungen zu hoch sei, beraumte der Schulleiter sogleich eine Sitzung am Samstagvormittag an, um über den Abbau der Belastungen durch Zusatzsitzungen diskutieren zu lassen.

          Im Nachhinein scheint G9 als Krankheit zu gelten, die es wie die Malaria auszurotten galt. Denn jedwede Abstraktion droht mit dem Argument „Wir sind schließlich nicht mehr im G9“ abgewürgt zu werden. Hätte man früher das Jubiläum des Elysée-Vertrags mit einem Aufsatz des Typs „Nichts ist schwerer zu leben als eine Freundschaft, nichts ist leichter zu leben als eine Feindschaft. Nehmen Sie aus deutsch-französischer Sicht dazu Stellung!“ gewürdigt, so muss es heute ein buntes Bildchen als Amuse Gueule sein, gefolgt von der munteren Aufforderung „Du erklärst Deinem französischen Partner in einer E-Mail, was Dir an Frankreich besonders gefällt und was Du aus Deinem Schulbuch über die deutsch-französische Geschichte weißt“. Natürlich lassen sich selbst Abiturthemen auf diese Weise kompetenzorientiert formulieren. Doch werden die Abiturienten dadurch wirklich studierfähiger?

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.