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Lage des Gymnasiums : Erst verkürzen, dann kompetenzorientiert nivellieren

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Die Schüler sind ihrerseits der häufigen Gruppenarbeiten und anderer motivierender Spielchen eher überdrüssig und versprechen schon einmal Wohlverhalten, wenn nur endlich wieder einmal inhaltlich etwas weiter ginge. Dann wenden sich die pädagogisch wie inhaltlich „weichgekochten“ Referendare hilfesuchend an erfahrene Lehrkräfte und bemerken nach einer Unterrichtshospitation bass erstaunt, dass es für nachhaltigen Lernerfolg im Alltag nicht so sehr auf methodischen Lehrprobenstand, als vielmehr auf Fachwissen, Klarheit und Struktur, auf straffe Klassenführung und freundliche Konsequenz im pädagogischen Umgang ankommt.

Um aber auch die renitenten Altlehrkräfte zu ihrem neuen Kompetenz-Glück zu zwingen, bieten sich Fortbildungen mit spielerischem Fokus an. So sollen bisweilen die Fortbildungswilligen doch bitte das inhaltliche Material selbst mitbringen, über das dann wortreich, aber ergebnisarm gesprochen wird. Und die Fortbildung eines großen Verlagshauses kann schon einmal darin bestehen, dass fünf Dutzend Akademiker im Raum herumlaufen und sich über ein aus Schmierpapier mit Verlagsemblem gebildetes improvisiertes Hörrohr auf Französisch als stille Post Gerüchte ins Ohr flüstern.

Sondersitzungen zum Abbau von Sitzungen

Die Gymnasien als Ganze werden inzwischen regelmäßig evaluiert. Die Kriterien sind selbstverständlich von einer anonymen „Qualitätsagentur“ vorgegeben und alternativlos. Diese Kriterien werden mitleidlos exekutiert. Da keine Schule dem Idealbild der eierlegenden Wollmilchsau entsprechen kann, besteht natürlich „Verbesserungsbedarf“, der in „Zielvereinbarungen“ mit der überwachenden Schulbehörde gegossen wird. Die Lehrkräfte werden durch Zusatzsitzungen belastet.

Die Atmosphäre an der Schule leidet nicht selten ebenfalls. Für die inhaltliche Vorbereitung eines qualitativ hochwertigen Unterrichts bleibt folglich weniger Zeit. So kann der Wunsch nach „Qualitätsentwicklung“ schon einmal kontraproduktive Ergebnisse bringen. Als an einem Gymnasium festgestellt wurde, dass die Belastung der Lehrkräfte durch Zusatzsitzungen zu hoch sei, beraumte der Schulleiter sogleich eine Sitzung am Samstagvormittag an, um über den Abbau der Belastungen durch Zusatzsitzungen diskutieren zu lassen.

Im Nachhinein scheint G9 als Krankheit zu gelten, die es wie die Malaria auszurotten galt. Denn jedwede Abstraktion droht mit dem Argument „Wir sind schließlich nicht mehr im G9“ abgewürgt zu werden. Hätte man früher das Jubiläum des Elysée-Vertrags mit einem Aufsatz des Typs „Nichts ist schwerer zu leben als eine Freundschaft, nichts ist leichter zu leben als eine Feindschaft. Nehmen Sie aus deutsch-französischer Sicht dazu Stellung!“ gewürdigt, so muss es heute ein buntes Bildchen als Amuse Gueule sein, gefolgt von der munteren Aufforderung „Du erklärst Deinem französischen Partner in einer E-Mail, was Dir an Frankreich besonders gefällt und was Du aus Deinem Schulbuch über die deutsch-französische Geschichte weißt“. Natürlich lassen sich selbst Abiturthemen auf diese Weise kompetenzorientiert formulieren. Doch werden die Abiturienten dadurch wirklich studierfähiger?

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