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Lage des Gymnasiums : Erst verkürzen, dann kompetenzorientiert nivellieren

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Sprachvermittlung ersetzt die Übersetzung aus der Fremdsprache. Dadurch könnte ein ausgangssprachlich komplexer Text auf einige Aspekte reduziert in der Fremdsprache paraphrasiert werden. Leider sehen ministerielle Vorgaben gerade nicht vor, anregende Texte etwa des Feuilletons zu berücksichtigen. Da die anspruchsvolle Aufgabenform jedoch trotzdem möglichst frühzeitig eingeübt werden soll, werden regelmäßig Kochrezepte oder touristische Kleinanzeigen vorgelegt.

Am Rotstift traumatisiert nicht die Schrift, sondern die Farbe

In Mathematik und den Naturwissenschaften gilt es nicht mehr als notwendig, Formeln herleiten oder wenigstens verstehen zu können. „Realschulifizierung“ bedeutet, dass es genügt, Formeln anwenden zu können, zur Not angeleitet von einem Nachhilfelehrer, der die Methode einpaukt, ohne Verständnis erreichen zu können. Dadurch geraten physikalische Phänomene in den Rang von Glaubenswissen, weil die mathematischen Grundlagen zu deren Herleitung laut Lehrplan nicht mehr erarbeitet werden dürfen.

Hier lernt sich Respektlosigkeitshinnahmekompetenz kinderleicht: Unterrichtscontainer des Frankfurter Gymnasiums Wöhlerschule, Februar 2013

Die kompetenzorientierte Aufgabenstellung schließlich führt zu bisweilen lächerlichen Verrenkungen, wenn etwa die im Lateinunterricht übersetzte Skythenrede des Curtius Rufus gegen Alexander den Großen im Aufgabenteil einer Lateinprüfung mit der Rede des Britannierfürsten Calgacus gegen die Römer aus Tacitus’ „Agricola“ verglichen werden soll. Damit das Ganze einen „Sitz im Leben“ hat, findet dann der Prüfling im elterlichen Bücherschrank eine zweisprachige Ausgabe des Tacitus und berichtet erstaunt seinen Eltern, dass einige Gedanken aus der Skythenrede des Curtius Rufus bei Tacitus gleich, ähnlich oder verändert wiederkehren. Mit solchen Pirouetten ist inhaltlich nichts gewonnen. Sie reizen höchstens die Schüler zum Lachen.

Das Referendariat bereitet folglich nicht auf das Abhalten differenzierter Prüfungen vor, sondern rechtfertigt sophistisch gewollten Niveauabbau. Nach wie vor feiern nachgerade absurde Idiosynkrasien dieses oder jenes Seminarlehrers fröhliche Urständ. So verlangt die eine Ausbildungsschule einen vollständigen Verzicht auf schriftliche Leistungsnachweise im Unterricht („Alles nur noch echt mündlich! Es geht schließlich um die kommunikative Kompetenz!“). So verlangt eine andere Ausbildungsschule den Verzicht auf korrektes Sprachniveau („Es geht um die Verständigung im Alltag, also bitte Umgangsfranzösisch!“). So verlangt wieder eine andere Ausbildungsschule Korrekturen in einer anderen als der gängigen roten Farbe, da Rot die Kinder unnötig traumatisiere. Relativ unisono aber wünschen die heutigen Seminarlehrer euphemistisch „Aufgaben mittleren Anforderungsbereichs“.

Stille Post gilt als Lehrerfortbildung

Schlechte Ergebnisse liegen nach wie vor am unzureichenden Unterricht der Referendare. Folglich weisen die angstgetriebenen Referendare die gewünschten guten Ergebnisse vor, auch wenn diese inflationär vergebenen guten Noten - wie sich regelmäßig im Folgeschuljahr bei etablierten Lehrkräften erweist - mit dem tatsächlichen Kenntnisstand nur schwach zusammenhängen. Nach dem Einführungshalbjahr erteilen die Referendare an einer Einsatzschule bis zu siebzehn Wochenstunden eigenverantwortlichen Unterricht. Dann zeigt sich den Betreuungslehrern überdeutlich, dass die angehenden Lehrkräfte nicht gelernt haben, mittels sogenannter Distraktoren für leistungsgerecht differenzierte Prüfungsergebnisse zu sorgen.

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