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Kurswechsel in der Forschung : Kuschelnde Mediziner?

Chef gesucht: Ein Magnetresonanz-Tomograph im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Bild: dpa

Forschung, die schneller beim Labor und Patienten ankommt. Das klingt vorteilhaft, birgt aber auch Risiken. Die Systemänderung wird energisch vorangetrieben. Die Forschung ist auf Kuschelkurs mit Klinik und Industrie.

          Schneller, flexibler, offener und auch beim Kuscheln viel anschmiegsamer: An der Spitze der öffentlichen Medizinforschung hat sich innerhalb kurzer Zeit eine Generation etabliert, die ihre ganz eigenen Vorstellungen von Fortschritt und Innovation durchsetzt. Wo man hinhört, überall das gleiche Motiv: „From bench to bedside“. Die Medizin soll schneller vom Labor an den Patienten gebracht werden – translationale Forschung heißt das im Wissenschaftsjargon. Der Imperativ der Beschleunigung stellt die Bedeutung der Qualitätssicherung heute mehr oder weniger in den Schatten. Nicht, dass Qualität nicht mehr großgeschrieben wird, aber der Schweinsgalopp in der biomedizinischen Forschung und das zunehmend vorherrschende Gefühl bei den beteiligten Forschern, das „System“ bremse den Fortschritt zu Lasten der Patienten, treibt die Systemveränderer energisch voran.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Klaus Broich gehört zu diesen Erneuerern. Er ist Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Früher eine pflichtbewusste, aber forschungsferne und mehr oder weniger graue Zulassungsbehörde, plötzlich ein Hort neuer „regulatorischer Wissenschaft“. Oder Otmar Wiestler, seit September Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsinstitution im Land, die speziell in den Lebenswissenschaften gerade einen personellen Umbruch erlebt.

          Ein Vakuum, das Gerüchte befeuert

          Ein Kurswechsel in schwerer See. Die Leitungsposten am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg – hier geht es um Wiestlers direkten Nachfolger – und am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) sind seit Monaten unbesetzt. In Heidelberg wurden Fehler bei der Berufung gemacht, und wie die Medizinlandschaft der Hauptstadt um das Berliner Institut für Gesundheit (BIG) herum genau aussehen soll, an dem das MDC neben der klinischen Forschung der Charité mitwirkt, ist noch immer ungeklärt. Ein Vakuum, das Gerüchte befeuert.

          Die inhaltliche Richtung allerdings ist klar, und das BIG steht programmatisch dafür: Beschleunigung in Richtung Klinik. Tatsächlich gibt es in dieser Hinsicht seit vielen Jahren tiefe Wunden im System. Die Zahl der klinischen Studien im Land, ja in Europa insgesamt, geht sukzessive zurück. Die Pharmabranche lässt ihre Wirkstoffe lieber im billigen Osten Europas oder in Asien testen. Hinzu kommt, dass die neuen, auf Genominformation und Biomarker basierten maßgeschneiderten Medikamente, andere, komplexere Zulassungsverfahren erfordern. Viele Studiendesigns ändern sich radikal. Eine neue europäische Richtlinie muss dazu umgesetzt werden.

          Otmar D. Wiestler, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums

          In dieser Situation heißt die Beschleunigungslösung für Broich „BfArM im Dialog“, Wiestler spricht von „Entwicklungspartnerschaften“. Beides heißt im Kern Öffnung - und ein Stück weit Ökonomisierung. Kritikern geht der Kuschelkurs mit der Industrie schon viel zu weit.

          Die Ernte erster Früchte

          „Vieles ist im Fluss“, sagt Wiestler, doch anders als mit neuen Partnerschaften könne man die klinische Forschung nicht wieder ins Land holen. Als Chef des DKFZ in Heidelberg hat er mit Dax-Unternehmen wie Siemens und SAP Forschungsallianzen geschmiedet, mit Bayer wurden in seiner Amtszeit mehr als dreißig Verträge für die gemeinsame Weiterentwicklung von molekularen „Zielstrukturen“ und damit von neuen Wirkstoffen unterzeichnet. Im Frühjahr winkt das erste gemeinsame Produkt, könnten die „ersten Früchte“ (Wiestler) geerntet werden. Und auch mit dem Paul-Ehrlich-Institut, neben BfArM die zweite große – forschende – Arzneizulassungsbehörde im Land, an dessen Spitze schon seit einiger Zeit ein anderer wissenschaftlicher Erneuerer, der Molekularbiologe Klaus Cichutek sitzt, hat Wiestler einen „echten Partner“ gefunden.

          Wo früher klare Arbeitsteilung herrschte, verschwimmen heute die Grenzen. Die BfArM arbeitet inzwischen eng mit dem Pharma-Zentrum Bonn, dem translationalen Zentrum der Bonner Universität, zusammen, das sich seinerseits über Partner freut: Bayer etwa und Helmholtz-Forschungszentren.

          Auf dem Pharmatag in der Brüsseler Vertretung des Landes Hessen fand sich Broich plötzlich in den Armen eines Pharmagiganten wieder. Jochen Maaß, Forschungsleiter bei Sanofi, freute sich darüber, dass die Genehmigungsbehörden jetzt selbst mehr forschen: „Die Zukunft haben für mich ganz klar Konsortien aus Academia, Pharma und Zulassungsbehörden.“ Die staatlichen Stellen seien „nicht mehr nur Regelverwalter“, man müsse sich früher als bisher mit ihnen austauschen - mindestens in den frühen klinischen Prüfungsphasen 2, wenn die Kosten noch überschaubar sind, am liebsten schon in den ersten Entwicklungsstufen. „Für uns ist wichtig, früh zu wissen, ob es eine Chance auf Erstattung gibt.“ Auch Personalaustausch sei erwünscht. Entwicklungshilfe vom Staat klingt dafür nicht schlecht, viele werden dahinter versteckte Subventionen wittern.

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