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Kunst im geteilten Deutschland : Doppelt zensiert hält auch nicht besser

Bild: dapd

Bei einer Tagung in Leipzig widmeten sich Autoren und Wissenschaftler den Künsten in Zeiten von Mauer und Stacheldraht. Martin Walser hatte dabei einen großen Bekenntnis-Auftritt.

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          Im Jahr 1990, die Mauer war gefallen, aber die DDR mit der Bundesrepublik noch nicht vereinigt, stellte der Leipziger Schriftsteller Gert Neumann in seinem Aufsatz „Das nabeloonische Chaos“ fest: „Es zeigt sich bereits, dass sich mit der Überwindung der Zensur der DDR die Hoffnung auf die Möglichkeiten paradoxerweise vermindern.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Traurigerweise traf das gerade für Neumann selbst zu. Sein 1981 nur im Westen (bei S. Fischer) veröffentlichtes Buch „Elf Uhr“ war zwar unmittelbar nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur auch beim Rostocker Hinstorff-Verlag und damit bei einer der besten literarischen Adressen in Ostdeutschland erschienen, doch danach verschwand der auf strikte Autonomie des Schriftstellers pochende Neumann aus der literarischen Öffentlichkeit. Mit der DDR starb auch die Neugier auf ein Schreiben, das sich von ihr nicht hatte korrumpieren lassen.

          Martin Walsers wichtigstes DDR-Buch: „Elf Uhr“

          Einer erinnerte sich jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, in Leipzig noch an Gert Neumann: Martin Walser. Der Schriftsteller war vom Bodensee ins Zeitgeschichtliche Forum gekommen, um am zweitägigen Symposion „Autonomie und Lenkung - Die Künste im doppelten Deutschland“ teilzunehmen. Und kaum erhielt er das Wort, zog er Neumanns „Elf Uhr“ aus der Tasche, las daraus vor und erzählte, dass er nach dessen westdeutscher Publikation sofort zur nächsten Leipziger Buchmesse angereist sei, um den Verfasser dieses „für mich wichtigsten Buches, nicht nur der DDR-Literatur“, kennenzulernen.

          Beide trafen im Hotel Astoria zusammen, Wolfgang Hilbig war auch dabei, und Walser wähnte sich unbeobachtet. Doch schon beim abendlichen Messeempfang wurde er von einem DDR-Kulturfunktionär auf die Begegnung angesprochen. Walser erregt sich noch heute: „Ich hätte sagen müssen: ,Das dürfen Sie doch gar nicht wissen!’ Gesagt habe ich: ,Elf Uhr wird Sie alle überleben.’ Aber damit habe ich nicht recht gehabt.“

          Dieser fatalistische Blick auf den Untergang der regimekritischen DDR-Kunst setzte ein frühes Glanzlicht bei diesem Debüt: Noch nie zuvor hatten sich Praktiker und Theoretiker getroffen, um über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Künste in den beiden deutschen Staaten zu sprechen. Erstaunlich genug - und noch erstaunlicher, dass es sich als nahezu unmöglich erwies, dieses Unterfangen finanziell fördern zu lassen.

          So taten sich schließlich die Sächsische Akademie der Künste in Dresden und die Sächsische Akademie der Wissenschaften in Leipzig zusammen, gewannen als Gastgeber das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig und luden rund dreißig Referenten und Diskutanten ein, darunter neben Walser mit Durs Grünbein noch eine weitere literarische Berühmtheit und mehrere Vertreter der Musikszene wie den Dresdner Komponisten Wilfried Krätzschmar, der 1983 mit seinen „Heine-Szenen“ unter ideologischen Beschuss geriet, den Dirigenten Ulrich Backofen, der 1985 von der Bundesrepublik aus DDR-Haft freigekauft wurde, und den langjährigen Berliner Konzerthaus-Intendanten Frank Schneider, der sich der Bewahrung des musikalischen Erbes der DDR verschrieben hat.

          Die DDR im Vergleich mit dem „Dritten Reich“

          Gewünscht waren beide Perspektiven, ost- wie westdeutsche, und die bekam man geboten. Allerdings war auffällig, wie sehr der Blick auf die DDR dominierte. Ein einziger von acht Vorträgen - Stephan Buchloh (Ludwigsburg) über politische Filmkontrolle in der Adenauerzeit - widmete sich einseitig der Bundesrepublik, dagegen drei allein der DDR, und zwei - Günther Heydemann (Dresden) über Kunst in Diktaturen und Siegfried Lokatis (Leipzig) über ideologische Literatursteuerung - zogen beim Vergleich mit der DDR gar nicht die Bundesrepublik, sondern das „Dritte Reich“ heran. Man muss aber auch sagen, dass gerade diese beiden Analysen die überraschendsten und damit inspirierendsten waren.

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