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Korruption in Vigo : Die Willkür der Kaziken

Zwischen Verniedlichung und Dämonisierung

Einer dieser Bereiche sei die Universität von Vigo, erzählt mir der Journalist José Manuel Rubín in einem Frühstückscafé im Zentrum von Ourense. Es ist schön in dieser alten Stadt, die Leute sind nett, und solange man nicht über die Verfasstheit eines in der Tiefenschicht verfaulten Gemeinwesens nachdenkt, ist alles gut. Rubín, eine der meistgeachteten Stimmen der Traditionszeitung „La Voz de Galicia“, bringt die Rede auf Deutschland und den Schavan-Fall.

Die Bildungsministerin sei von sich aus zurückgetreten, sagt er. Das habe ihn beeindruckt. „Doch bei uns werden die Dinge zugedeckt und verharmlost. Wer heute ein wenig verharmlost, wird morgen schon entschlossener verharmlosen, und so nistet sich die Korruption auf allen Stufen der Gesellschaft ein. Das ist in der Universität Vigo geschehen: Ein Plagiat wurde verniedlicht, und wer den Skandal aufklären wollte, wurde dämonisiert.“

Der Informationsflut überdrüssig

Längst habe ich eingesehen, dass journalistische Aufklärung nur eine begrenzte Reichweite hat. Ich speichere viele hundert Links zu Zeitungsberichten, die von korrupten Querverbindungen im spanischen Nordwesten erzählen. Zum Fall „Campeón“, in den auch ein früherer Minister der Zapatero-Regierung verwickelt ist, kommt der Fall „Pokemon“, der einen Freund von Pedro Araújo belastet, Francisco Rodríguez, den ehemaligen Bürgermeister von Ourense. Doch die steigende Informationsflut bringt keine Erkenntnis, sondern Überdruss, weil sich die schlechten Nachrichten gegenseitig relativieren, weil die Bevölkerung von Fatalismus durchdrungen ist, weil die Mächtigen sich sicher wähnen können.

Da beschließe ich, auf den Campus von Ourense zu gehen und Pedro Araújo einen Besuch abzustatten. Unangemeldet aufzutauchen, so etwas habe ich noch nie gemacht. Wenn man mich vor die Tür setzte, dürfte ich mich nicht beklagen.

Ein Dekan in Bedrängnis

Doch es wird eine filmreife Szene. Ich treffe den Dekan in seinem Büro an, überrumpele ihn mit meiner Begrüßung und erzähle ihm, ich hätte den Zufall eines Besuchs im schönen Ourense nutzen wollen, um seine Bekanntschaft zu machen. Leider hätten meine letzten E-Mails keine Antwort mehr gefunden, doch im persönlichen Gespräch lasse sich dergleichen leicht ausbügeln. Solche Sachen. In Araújos Augen flackert Verwirrung, vielleicht Angst. (Claudio Cerdeiriña sagt mir später, der Eindruck täusche, Araújo sei zwar leicht zu verunsichern, aber im Inneren „hart wie Stein“.)

Dann gewinnt seine spanische Höflichkeit die Oberhand. Der Dekan beginnt ungefragt von dem Gerichtsurteil zu sprechen, das die Abschaffung des Lehrfachs Physik am Campus von Ourense für nicht rechtens erklärt hat. Auf seiner Stirn steht Schweiß. Von seinen juristischen Argumenten verstehe ich kaum ein Wort, aber ich lausche, und das Bandgerät auch.

Ein jüngerer Kollege kommt hinzu, jetzt reden schon zwei, eine geschlagene Dreiviertelstunde lang. Als ich dem Dekan zum Abschied in Aussicht stelle, den jetzt etablierten persönlichen Kontakt für eine künftig „fluidere“ Kommunikation zu nutzen, flackert es wieder in seinen Augen. Das wolle er nicht, sagt Araújo jetzt, und er wirkt fast bockig. Dafür sei er der falsche Ansprechpartner. Ich sehe ihm an, wie froh er ist, mich los zu sein.

Man darf nicht glauben, die Bösen in diesem Film seien die Konservativen. Sie haben den Kaziken Baltar hervorgebracht, die Sozialisten dagegen Mejuto, Araújo und ihre Boys. Nein, der Filz wuchert parteiübergreifend links und rechts.

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