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Korruption in Vigo : Die Willkür der Kaziken

Meine weiteren Nachforschungen profitierten vom Mut mehrerer Wissenschaftler, die sich außerhalb der Machtzirkel bewegten. Einer von ihnen ist Claudio Cerdeiriña, Professor für Physik, der im Jahr 2009 mit dem Umstand konfrontiert wurde, dass man ihm kurzerhand sein Lehrfach nahm. Wieder taucht in diesem Zusammenhang der Name Mejuto auf, einer der mutmaßlichen Plagiatoren, der seine Amtszeit als Dekan dafür nutzte, statt des Studiengangs Physik die sogenannten „Umweltwissenschaften“ zu installieren.

Bei einer Begegnung erzählte mir Cerdeiriña, diese Entscheidung habe strategischen Interessen gehorcht, die „harten“ Naturwissenschaften seien manchen ein Dorn im Auge. Von akademischer Qualität sei auf diesem Campus ohnehin nicht die Rede. Der Vorgang sei im Handstreich verlaufen, der Lehrkörper für Physik sei dabei übergangen worden.

Aus Verschleierung folgt Gespött

Cerdeiriña und andere beiseitegedrängte Professoren reichten Klage ein. Daneben setzten sie eine Kampagne in Gang, um internationale Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken. Innerhalb kurzer Zeit trommelten sie die Unterstützung weltberühmter Wissenschaftler zusammen, von Michael E. Fisher über Leo Kadanoff (ehemals Vorsitzender der American Physical Society) bis zu den amerikanischen Physik-Nobelpreisträgern Lee, Osheroff und Gross. Anders als ihre internen Widersacher verfügen die wehrhaften Physiker über beträchtliches wissenschaftliches Renommee.

Doch nicht einmal die Unterschriften von dreihundert hochkarätigen Wissenschaftlern beeindruckten die Fakultätsleitung. Auch die Aussicht, die Universität zum Gespött zu machen, schien niemanden zu sorgen. Während Presse und wissenschaftliche Zeitschriften über die Peinlichkeit von Ourense berichteten, stellten die Drahtzieher sich tot.

Schließung gerichtlich aufgehoben

Zu den glühenden Befürwortern der Abschaffung von Physik zählt neben Juan Carlos Mejuto dessen Schüler Pedro Araújo, der erst im Dezember 2008, älter als fünfzig, seinen Doktortitel erwarb, ein halbes Jahr später mit einer winzigen Publikationsliste zum C-3-Professor aufstieg und Mejuto kaum zehn Tage später als Dekan beerbte. Der Titel seiner schmalen Dissertation: „Geologische Merkmale der Thermalquellen der Provinz Ourense“. Eine akademische Bilderbuchkarriere auf galicische Art.

Am 6. März 2012 luden Cerdeiriña und andere kritische Wissenschaftler zu einer Pressekonferenz ein: Der Oberste Gerichtshof von Galicien hatte die Abschaffung des Studiengangs Physik durch die Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Vigo für nicht rechtens erklärt. Ein Sieg auf ganzer Linie.

Ominöse Schmiergeldgeschäfte

Doch die Aufmerksamkeit der Medien wird an diesem Tag von einer anderen Nachricht beansprucht, die ebenfalls die Universität Vigo betrifft: Eine Richterin in der nahegelegenen Stadt Lugo ermittelt gegen den Rektor Salustiano Mato wegen Geldwäsche und der Veruntreung öffentlicher Gelder. Kein Wunder, dass der Mann keine Zeit für meine E-Mail hatte.

Der Korruptionsfall „Campeón“ beschäftigt die galicische Justiz schon seit längerem, neu ist die Verwicklung des Rektors der Universität. Der Pharma-Unternehmer Jorge Dorribo soll durch Schmiergeldzahlung galicische Subventionen in Höhe von 1,6 Millionen Euro für angebliche Medikamentenherstellung in der Dritten Welt erhalten haben. In Wahrheit, so die Indizien, wurden wohl lediglich Medikamente mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum umverpackt und hochprofitabel weiterverkauft.

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