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Kommerzialisierung der Namenwelt : Gute Stimmung in der Aldi-Südkurve

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Es war einmal ein Westfalenstadion: in Dortmund spielt man jetzt im Signal Iduna-Park Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Einst traf man sich auf der „Wimmerschen Wiese“ oder im „Volksparkstadion“. Jetzt spielt man in der „Schüco Arena“ oder im „rewirpowerSTADION“. Der lokale Bezug geht verloren, die Fans reagieren mit Ironie. Warum sagt man nicht gleich „Bastian Erdinger“ oder „Miroslav Becks“?

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          Namen stiften und sichern Identität. Im immerwährenden Fluss der Dinge schaffen sie feste Anhaltspunkte, die Orientierung verbürgen. Die identitätsstiftende Kraft von Namen prägt nicht nur unsere Sicht auf Menschen, sondern auch unseren Umgang mit Orten, Zeiten und Dingen. Namenseinsetzungen und Namenswechsel stehen so für gravierende Veränderungen, die manchmal mit einschneidenden Ritualen verbunden sind. Neben Kindern tauft man auch Schiffe, Straßen und Gebäude. Tunnel und Tiefdruckgebiete haben Paten. Ausdrücke wie „Weihnachten“, „Ostern“ und „Pfingsten“ können als Eigennamen für wichtige Zeitabschnitte verstanden werden und komprimieren wirkungsmächtige Traditionen in einem einzigen Wort.

          Eine relativ neue Entwicklung in der Geschichte deutscher Namen wurde nun sprach- und kulturwissenschaftlich genauer in den Blick genommen: die Umbenennung von Fußballstadien. Um die gegenwärtigen Bewegungen angemessen analysieren zu können, muss man die Motivationsgeschichte der Bezeichnungen von Fußballstadien kennen. Der Linguist Dietz Bering widmet sich den Stadiennamen der vierzig Vereine, die in den vergangenen Jahren in den deutschen Profi-Ligen gespielt haben. Am Anfang wurden die Spielorte schlicht nach der Gegend benannt, in der sie sich befanden. In Bochum wurde „anne Castroper“ - an der Castroper Straße - gespielt. In Mönchengladbach traf man sich auf der „Wimmerschen Wiese“.

          Vom Ort über Region zur Firma

          Auch in der Folgezeit dominierte zunächst der Benennungsfaktor Raum, der über die jeweilige Vereinsgemeinschaft definiert war. Der lokale Bezug wurde allerdings ausgreifender und wandelte seinen Charakter gelegentlich von einer bloßen Ortsangabe zu regionalen Vereinigungssymbolen: Neckarstadion, Ostseestadion, Westfalenstadion, Weserstadion. Mit dem Ausbau des Fußballvereinswesens und der Sportkultur insgesamt gingen einige Vereins- und Begriffsnamen einher (Dynamo-Stadion, Stadion der Freundschaft). Relativ isoliert blieben Ereignisnamen (Olympia-Stadion). Häufiger genutzt wurden dagegen Personennamen (Ilgenkampfbahn, Rudolf-Harbig-Stadion, Ernst-Abbe-Sportfeld).

          Seit einigen Jahren sind Firmennamen überdeutlich auf dem Vormarsch und scheinen das gesamte Namensfeld der Stadien, auch orthographisch, zu revolutionieren (RheinEnergieStadion, badenova-Stadion, rewirpowerSTADION). Auffällig ist zudem die lexikalische Differenzierung, durch die man sich symbolisch von den alten Stadien und ihren Traditionen absetzt. Fußballspiele werden nunmehr in einer „Arena“ inszeniert (Allianz-, Commerzbank-, AOL-, Schüco-Arena). Ähnliches gilt für das Bildungselement „Park“ (Generali Sportpark, Signal Iduna Park). Das vorerst letzte Kapitel in dieser Kommerzialisierungsgeschichte öffentlicher Namen wird durch Bildungen repräsentiert, die nicht mehr nur den Firmennamen zu Werbezwecken aufgreifen, sondern direkt die beworbenen Produkte (easyCredit-Stadion, Playmobil-Stadion).

          Im Sparkassen-Hörsaal

          Der offensichtliche kulturelle Bruch, der sich in den neuen Stadiennamen manifestiert, ist natürlich kein isoliertes Phänomen. Um zunächst beim Sport zu bleiben, lässt sich das „T-Com-Team“ anführen. Friedrichshafen dagegen nennt sich ganz unsportlich „T-City“. An der Fachhochschule Würzburg versammelt man sich im „Aldi-Süd“- oder im „Sparkassen“-Hörsaal. In den neunziger Jahren wurde zwischen Bochum und Wanne-Eickel die „Nokia-Bahn“ eingeführt. Aus Köln ist bekannt, dass die Colonia AG nach langem Drängen von den Stadtvätern endlich ihren Wunsch erfüllt bekam und fortan an der Colonia-Allee residierte. Etwas unglücklich wirkte sich dann ihr Verkauf an den Axa-Konzern aus. Nun gibt es nur noch mehrere Axa-Firmen an der Colonia-Allee.

          Zur Interpretation und Bewertung der gegenwärtigen Tendenzen beim Benennen öffentlicher Orte muss man nicht unbedingt tiefsinnige Kulturphilosophen heranziehen. Bering nimmt in seiner Untersuchung nämlich auch eine Analyse der verschiedenen Diskussionen vor, die die jüngsten Umprägungen der Fußballstadien begleiteten. Im Kreis der Fans und Freunde des Fußballs wurden die kommerziellen Innovationen jedenfalls weithin negativ aufgenommen. Weil Namen eben für Identität und Sicherheit stehen, wollten sich viele Sympathisanten nicht mit den Umbenennungen anfreunden. Zu offensichtlich wurden hier emotional und sozial aufgeladene Traditionen und Werte, die in Namen kondensierten, allein durch Neuerungen unter Profitgesichtspunkten ersetzt. Besonders eindrücklich verkörperten sich diese erhitzten Diskussionen in den ironischen Alternativnamen, die von einfallsreichen Fußballfreunden erwogen wurden. Erinnert sei in dieser Hinsicht auch an einen Reporter, der die Namenskommerzialisierung lediglich resigniert kommentierte: „Wenn die Eckfahne Nutella-Fahne heißt, höre ich auf.“

          Ein freies Porsche-Wochenende

          So wehrte man sich etwa gegen die Umbenennungen, indem man als Möglichkeit auch eine „Big Mac Arena“ ins Spiel brachte. Auch auf anderen Benennungsfeldern wurde weitergedacht. Wenn in Nürnberg ein easyCredit-Stadion steht, könnte man hier vielleicht auch bald easyCredit-Lebkuchen erwerben und in Köln noch schnell den Allianz-Dom besuchen. Die Imagination machte selbst vor den prototypischen Namen, also den Personennamen, nicht halt. Ist es vielleicht denkbar, dass man irgendwann sein Kind DaimChrysly oder Microsofty nennt und sich dafür ein wenig sponsern lässt? Die Umbenennung von Spielern - etwa „Bastian Erdinger“, „Miroslav Becks“ - ist schon vor längerem vorgeschlagen worden.

          Nur eine Dimension blieb bei diesem erfolglosen Widerstand gegen die neuen Stadionnamen offenbar unbeachtet: die Zeit. Ist es also vorstellbar, dass in Zukunft nicht nur unsere Raum-, Personen- und Objekt-, sondern auch unsere Zeitorientierung durch Firmennamen zunehmend kommerzialisiert wird? Wird es so weit kommen, dass wir uns dereinst am Porsche-Wochenende oder den Siemens-Tagen bescheren?

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