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Universitätsreform : Die Lehrsklaven kommen

Im Mitgliederorgan der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ ist jetzt der elektronische Briefwechsel dreier Soziologen zum Thema abgedruckt worden (Soziologie, Jg. 36, Heft 3/2007). Trutz von Trotha (Universität Siegen) bezeichnet darin die neuen Lehrkräfte als universitäre „Mindestlohnreserve“. Im Grunde seien die Hochschulpolitiker ohnehin der Ansicht, dass Bachelor-Studenten „Forschung weder benötigen noch sie ihnen zuzumuten ist“. Aus nordrhein-westfälischen Erfahrungen weist Trotha überdies darauf hin, dass die neuerdings erhobenen Studiengebühren ausdrücklich nur zur Verbesserung der Lehre eingesetzt werden dürfen. Auch dies treibe die Trennung von Forschung und Lehre voran – denn aus solchen Einnahmen beispielsweise eine normale Assistentenstelle zu schaffen verstieße gegen die reine Zweckbindung an Lehre. Die Lehrkraft für besondere Aufgaben könnte auf diese Weise zum Favoriten sowohl – weil billig – der Hochschulverwaltung werden wie – weil ganz zu Unterricht und Prüfungsvorbereitung eingesetzt – zu dem der studentischen Fachschaften.

Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig Maximilians Universität München, steigert diese Diagnose ins Grundsätzliche. Für ihn liegt der gegenwärtigen Wissenschaftspolitik das Bestreben zugrunde, der Bildung den Garaus zu machen. An die Stelle der Forderung nach „Selbstsozialisation“ der Studierenden trete ihre Behandlung als Leistungsempfänger. Der Lehrprofessor sei insofern der Sozialarbeiter des reformierten Universitätssystems. Die Leistungen, die er abgibt, sind vorwegdefiniert und bedürfen eben darum auch keiner fortlaufenden Forschung.

Eine riesige komplizierte Sparmaßnahme

An dieser Beschreibung lässt sich gut erkennen, worin eine Schwierigkeit des Streits um gute Universitäten besteht. Denn Nassehi gibt zu, dass man im alten, vom Humboldtidealen bestimmten Betrieb „der Lehre nicht genügend Aufmerksamkeit widmete“, nur dass er dies zur Tugend erklärt: Die Studenten wurden eben als selbständige „Bürger der Gelehrtenrepublik“ angesprochen, die sich ihren eigenen, freien Reim auf die Forschung machen.

Das geschah, darf man ergänzen, kontrafaktisch, und zwischen „jemanden nicht als Kind behandeln“ und „jemanden sich selbst überlassen“ liegen eine Menge Zwischenstufen des Interesses daran, vor wem man seine Forschung vorträgt, um das schon für ihre Einheit mit Lehre zu halten. Das Dilemma der Universitätsreform im Bereich der Lehre ist, mit anderen Worten, dass die einen „Trennung von Forschung und Lehre“ sagen und „Sparen“ meinen, die anderen „Einheit von Forschung und Lehre“ sagen, aber die eigene Freiheit meinen, ihrer Forschungspräferenz zu folgen.

Frauen, ab in die Reproduktion

Diesseits solcher Manöver sind aber zwei Prognosen des Briefverkehrs der Soziologen bemerkenswert: Jo Reichertz (Universität Duisburg-Essen) sagt voraus, dass jene Lehrbeauftragten – die mal so, mal „Lecturer“, mal eben „Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben“ heißen – allmählich in die Kapazitätsberechnungen der Fächer aufgenommen werden. Bislang ist das ausdrücklich nicht vorgesehen, um eine Umwidmung normaler Stellen in solche für Lehrsklaven zu verhindern. Das kameralistische Geschick der Universitätsverwaltungen aber lässt den Soziologen vermuten, dass ein solches Verbot über kurz oder lang aus Gründen der Mittelknappheit umgangen wird.

Die interessante Prognose Trutz von Trothas gilt der Besetzung von ganz oder doch in erster Linie auf Lehre gerichteten Stellen. Er vermutet, „dass die Lehrprofessur das Feld von Professorinnen sein wird. So haben es Männer schon immer gemacht – von der Krankenpflegerin über die Lehrerin bis zur Kinderärztin. Sie haben die im Status geminderten Positionen stets den Frauen überlassen beziehungsweise die Positionen im Status gemindert, die sich Frauen erobert haben.“ Für die Politik und die Universitätsverwaltungen „werden die Lehrprofessuren die goldenen Lettern der Statistiken des universitären Gender Mainstreaming“, also der Gleichstellungsvorgabenerfüllungsberichte sein.

Beide Prognosen haben für sich, beizeiten überprüfbar zu sein. Denn die Folgen der Bachelor-Reform machen sich jetzt an den Universitäten mit großer Geschwindigkeit bemerkbar. Und je mehr sie es tun, desto weniger wird sich der eigentliche Charakter dieser Reform leugnen lassen: Eine riesige komplizierte Sparmaßnahme zu sein.

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