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Kinder als Tyrannen : Eine liebevolle Erziehung kostet mehr Zeit

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Das Lob der Disziplin soll uns vor kindlichen Tyrannen bewahren. Doch damit wird das eigentliche Problem heutiger Erziehung verkannt: Zuwendung. Der Kinderarzt und Autor Remo H. Largo widerspricht Bernhard Bueb und Michael Winterhoff.

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          Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Menschen und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Kinder widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen und tyrannisieren ihre Lehrer!“ Diese Klage ist kein Leserbrief aus dem Jahr 2009, sondern wurde von Sokrates vor 2400 Jahren formuliert. Leidet Deutschland also am Niedergang von Autorität und Disziplin in Familie, Schule und Gesellschaft? Anders ist es nicht zu erklären, dass Bernhard Bueb und Michael Winterhoff mit ihren Büchern eine so große Zustimmung bei einer breiten Leserschaft gefunden haben.

          Was wollte uns Bernhard Bueb mit seinem „Lob der Disziplin“ sagen? Dies: „Disziplin ist das ungeliebte Kind der Pädagogik, sie ist aber das Fundament aller Erziehung. Disziplin verkörpert alles, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneter Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens.“ Michael Winterhoff ortet in seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ aus einer tiefenpsychologischen Warte die Ursache der Erziehungskrise in einer gestörten Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen. Diese werde heutzutage durch Eltern und Lehrer vergiftet mit Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Als Folge des Partnerschaftsideals stelle sich eine Orientierungslosigkeit beim Kind und ein Steuerungsverlust bei den Erwachsenen ein. Die Projektion führe dazu, dass die Erwachsenen nicht mehr fähig seien, dem Kind etwas zu versagen, weil sie eine negative Reaktion des Kindes als Liebesentzug erlebten, den sie aufgrund ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht ertragen. Die Symbiose schließlich führe beim Kind zu einer narzisstischen Aufwertung und zu einem Verbleib auf der psychischen Entwicklungsstufe eines Kleinkindes.

          Kein Plädoyer für die Wohlfühloase

          Bueb und Winterhoff rufen also zur Rückkehr zu einer autoritären Grundhaltung auf. Die autoritäre Erziehungsform bestehe schließlich seit biblischen Zeiten und sei universell verbreitet. Weshalb also aufgeben, was sich bewährt hat? Es gibt nun aber eine Erziehungsform, die noch weit älter ist als die autoritäre und die von den Müttern seit jeher angewendet wurde. Sie basiert auf dem kindlichen Bindungsverhalten, das wir Menschen mit allen höheren Tieren, insbesondere den Säugetieren gemeinsam haben. Es stellt sicher, dass das Jungtier ständig die Nähe der Mutter sucht, damit seine Ernährung, Pflege und Schutz gewährleistet sind. Beim Menschen dient das Bindungsverhalten überdies dem Transfer von Lernerfahrungen und der Sozialisierung.

          Jedes Menschenkind bindet sich an jene Personen, die ausreichend verfügbar sind und es umsorgen. Meistens sind dies die Eltern, vor allem seine Mutter. Das Kind bindet sich bedingungslos. Es wird die Beziehung zu den Eltern nie in Frage stellen oder gar davonlaufen, selbst dann nicht, wenn es misshandelt wird. Das Kind bindet sich nicht nur an seine Eltern, es will sich, wenngleich in einem geringeren Ausmaß, auch an seine Lehrerin binden. Es will von ihr angenommen und akzeptiert werden, als Person und nicht nur wegen seiner Leistungen. Dies ist kein Plädoyer für die Schule als Wohlfühloase. Vielmehr belegen diverse Studien, dass Schüler leistungsfähiger, aber auch gehorsamer sind, wenn die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern gut sind.

          Wann Kinder gehorchen wollen

          Es ist diese emotionale Abhängigkeit, die den Eltern und Lehrern ihre eigentliche erzieherische Macht gibt: Kinder gehorchen, weil sie emotional abhängig sind, und weit weniger, weil sie durch erzieherische Massnahmen dazu gebracht werden. In der Pubertät kommt es zur Auflösung der Bindung an die Bezugspersonen. Die Pubertät wird damit zur erzieherischen Konfliktzone. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, erleben Eltern und Lehrer, wie sehr ihnen die emotionale Abhängigkeit die Erziehung in den Jahren zuvor erleichtert hat und deren Schwinden nun zu einem eigentlichen Kontrollverlust führt. Dem Jugendlichen fällt es leicht, nein zu sagen und sich zu verweigern, weil er den Liebesentzug nicht mehr fürchtet. Jugendliche gehorchen nicht mehr aus einer emotionalen Abhängigkeit heraus, sondern wollen mit Argumenten überzeugt und wie Erwachsene behandelt werden. Für Eltern und Lehrer ist damit ein ständiges, mühsames Aushandeln von Pflichten und Rechten angesagt. Ein anstrengender Erziehungsauftrag, dem sie sich jedoch stellen müssen, wenn sie dem Jugendlichen wirklich helfen wollen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.

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