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Über Anglizismen : Keks, Straps, Spleen

  • -Aktualisiert am

In englischer Hand: Geschäfte auf der Frankfurter Zeil Bild: Kaufhold, Marcus

Engländer fürchten keine Fremdwörter. Das liegt nicht etwa an ihrem sprachlichen Exportüberschuss. Das Englische besteht vielmehr seit jeher aus anderen Sprachen.

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          Die Jagd auf Anglizismen hat in letzter Zeit Züge spätmittelalterlicher Strafjustiz angenommen: Die Sünder werden an den Pranger gestellt. Sie werden als „Sprachpanscher“ verurteilt - auf Panschen stand im Mittelalter oft die Todesstrafe. Als „Huren“ der englischen Sprache werden sie der allgemeinen Verachtung preisgegeben.

          Auch wenn man - wie der Autor selbst - die Flut der auf uns einströmenden modischen Anglizismen für einen bedenklichen Overkill hält, sollten wir die Nerven behalten und nicht gleich den Untergang der deutschen Sprache in einer angloamerikanischen Sintflut ausrufen. Will man sich nicht dem Vorwurf xenophober Sprachhexenjagd oder schrulligen Spleens aussetzen, muss man zumindest differenzieren und zwischen meist schon länger bei uns heimischen nützlichen Importen und überflüssigen unterscheiden.

          Wahrscheinlich aus sprachhistorischer Unkenntnis sind bisher noch keine Angli-zismen auf den Index verbotener Wörter gesetzt worden, die als Fremdlinge weitgehend unerkannt bei uns ihren Dienst tun. Wollen wir etwa aufs Boxen verzichten, das im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert heimisch ist? Oder ganz allgemein auf Sport, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts aus dem Englischen zu uns kam? Sicher wollen die Gewerkschaften an Streiks (seit dem 19. Jahrhundert) festhalten. Und wir alle mögen Kekse (im 20. Jahrhundert übernommen), während sich für Strapse (seit kurzem) weit weniger Bürgerinnen und Bürger interessieren (Anmerkung der Redaktion: it depends).

          Sprachlicher Gezeitenwechsel

          Selbst ein Schein-Anglizismus wie Handy (seit etwa zwanzig Jahren) sollte uns willkommen sein: Er ist zwar eine deutsche Erfindung, doch ein ungemein handliches, dem englischen Adjektiv handy (handlich) nachempfundenes Wort - kurioserweise viel griffiger als die englischen und amerikanischen Bezeichnungen mobile (phone) und cellphone.

          Im übrigen wird der Anteil englischer Wörter am deutschen Wortschatz auf lediglich 3,5 Prozent geschätzt - weit geringer als der lateinischer Fremd- und Lehnwörter mit sechs Prozent. Die deutsche Sprache wird nicht in einem Tsunami von Anglizismen untergehen, sondern dem Tide-Hochwasser standhalten. Dies um so eher, als modische, eigentlich unnütze Fremdwörter nach einer gewissen Zeit wieder ausgeschieden werden - wie überdosiertes Vitamin C: überflüssig, doch auch nicht schädlich.

          Kurz: Uns mangelt jene Gelassenheit, die von den Engländern auch in sprachlichen Dingen seit Jahrhunderten an den Tag gelegt wird. Es lohnt sich zu vergleichen, wie sie und die Deutschen mit ihren Fremdwörtern umgegangen sind. Denn der englische Wortschatz ist extrem gemischt und hat im Laufe der Zeit zahlreiche Übernahmen aus dem Skandinavischen, Lateinischen und Französischen integriert. Mehr noch: Die Mehrheit seiner Wörter ist französisch-lateinischer Herkunft. Man schätzt ihren Anteil auf etwa 50 bis 60 Prozent, den Anteil von Fremd- und Lehnwörtern insgesamt sogar auf etwa 70 Prozent - ein Befund, der Puristen zu denken geben sollte.

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