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Kannibalismus in Jamestown : Der Verzehrnachweis ist nicht leicht beizubringen

Gesichtsrekonstruktion der „Jane von Jamestown“: So könnte das Opfer des Hungerwinters 1609/10 ausgesehen haben. Bild: REUTERS

Was geschah im nordamerikanischen Schreckenswinter 1609/10? Neue Funde belegen, dass in der Kolonie Jamestown Menschen gegessen wurden. Doch noch streitet die Forschung.

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          Am 3. Mai 2007 feierten Königin Elisabeth II. und Präsident George W. Bush den vierhundertsten Jahrestag der englischen Landnahme in Virginia. Die Siedlung in Jamestown wäre in den ersten Jahren ihres Bestehens mehrfach beinahe aufgegeben worden. Statt einen Brunnen zu bohren, trank die Besatzung des Stützpunkts das Wasser des salzigen James River. Die sumpfige Küstengegend eignete sich schlecht für die Landwirtschaft.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Männer, die am 14. Mai 1607 mit drei Schiffen angekommen waren, eigneten sich für diese Arbeit allerdings noch viel weniger. Nach den Berechnungen des Historikers Edmund S. Morgan war der Anteil der Gentlemen an der Bevölkerung in Virginia sechsmal höher als in England.

          Den Gentleman definiert, dass er nicht mit den Händen arbeitet. Arthur Barlowe, der 1584 im Auftrag von Sir Walter Raleigh die Küste Virginias erkundete, hatte von einem zweiten Garten Eden berichtet, wo der Boden „alle Dinge im Überfluss“ hervorbrachte, „ohne Mühe und Arbeit“.

          Diplomatie der symbolischen Greueltaten

          Die Einheimischen versorgten die Fremdlinge zunächst mit Getreide. Sehr schnell befanden sich Engländer und Indianer aber in einem permanenten Kriegszustand, in dem beide Seiten eine barbarische Diplomatie der symbolischen Greueltaten praktizierten. Im dritten Winter erlebte die Kolonie ihre schlimmste Krise, die als „Hungerzeit“ ins Gedächtnis der Gemeinschaft einging. Wie eine ganze Reihe von Quellen berichtet, sollen sich die Siedler damals auch von Menschenfleisch ernährt haben. Von manchen Historikern wie Morgan wurde der Kannibalismus als Tatsache behandelt, andere schrieben vorsichtig von Gerüchten. Archäologische Belege fehlten.

          So darf man sich Jamestown im siebzehnten Jahrhundert vorstellen: Laiendarsteller im historischen Kostüm

          Seit 1994 ist unter dem Namen „Jamestown Rediscovery“ eine Ausgrabungskampagne in Gang. Die Wissenschaftler bemühen sich, das populäre Bild von den adligen Dilettanten zu korrigieren. Spätestens seit dem Bürgerkrieg stehen die Glücksritter von Jamestown im amerikanischen Geschichtsbewusstsein im Schatten der Pilgerväter, die dreizehn Jahre später im Norden die Kolonie Plymouth gründeten. Am Donnerstag der vorvergangenen Woche haben die Archäologen aus Jamestown nun bekanntgegeben, dass sie einen Beweis für den Kannibalismus in der Hungerzeit entdeckt zu haben glauben.

          Im vergangenen Sommer fanden sie in einer Abfallgrube zwischen Tierknochen Schädelfragmente sowie den Schienbeinknochen eines Mädchens. Nach Überzeugung von Douglas Owsley, forensischer Anthropologe in den Diensten der Smithsonian Institution, zeigen Markierungen auf dem Schädel, dass er aufgebrochen wurde, um ihm das Hirn zu entnehmen. Das Mädchen sei vierzehn Jahre alt gewesen und wohl in England in Küstennähe aufgewachsen. Eine proteinreiche Ernährung spreche für die Zugehörigkeit zur Oberschicht.

          Skepsis gegen die neue Beweislage

          Im Januar 2011 veröffentlichte Rachel Herrmann von der Universität von Texas in Austin in der wichtigsten Fachzeitschrift für amerikanische Kolonialgeschichte, dem „William and Mary Quarterly“, eine skeptische Untersuchung der Glaubwürdigkeit der Kannibalismusberichte aus Jamestown. In einem Blogeintrag hat sie sich nun auch skeptisch zur neuen Beweislage geäußert. Vielleicht, spekuliert die Historikerin, wurde die junge Frau ermordet, weil sie Lebensmittel hortete. Der Täter hätte die Leiche dann mit den Tierkadavern entsorgt.

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