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Islamische Theologie : Die Zweiheit von Glaube und Forschung

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Wie lässt sich ein nicht-apologetisches Islamstudium universitär etablieren? Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Der Wille, islamische Theologie an deutschen Universitäten zu etablieren, ist da. Doch die Umsetzungsversuche sind problematisch. Das Theologiestudium ist im Islam immer noch eine Ausbildung zur Apologie. Kritische Erneuerer werden abgestraft.

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          In einer liberalen Gesellschaft soll alles seine Existenzberechtigung haben, solange es nicht gegen die Prinzipien der säkularen Menschenrechte verstößt. Angesichts der Millionen in Europa lebenden muslimischen Immigranten sieht man allmählich die Notwendigkeit, ihre kulturellen und religiösen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Darum sollte das Fach „islamische Theologie“ neben katholischer und evangelischer Theologie an deutschen Hochschulen als selbstverständlich gelten. Zugleich beabsichtigen einige Politiker damit die Entfaltung einer eigenständigen säkularen Lehr- und Lernvermittlung. Das alles, so die derzeit herrschende Meinung, können die bereits existierenden Fächer der Islam- und Orientwissenschaften nicht erfüllen. Warum? Weil sie angeblich nicht spezifisch die Innensicht der Religionsinhalte vermitteln, sondern als beobachtende Analytiker nur die allumfassende Geisteskultur des Orients. Aber ist das tatsächlich so?

          Die wenigen Versuche, die in den letzten Jahren unternommen wurden, islamische Theologie an deutschen Hochschulen, etwa an der Universität Münster, zu etablieren, erwiesen sich als prekär. Es fehlen nicht nur kompetente Fachkräfte, sondern auch die von bestimmten übergreifenden Institutionen autorisierten Lehrinhalte und -methoden. Und es fehlt eine übergreifende Einigung der muslimischen Verbände darüber, wer die religiösen Wissenschaften unterrichten soll.

          Unkritische Lehrmethode

          Die jahrhundertealte Tradition der religiösen Wissenschaften in ihrer jeweiligen islamischen Heimat war nie einheitlich strukturiert. Selbst innerhalb einer Religionsgemeinschaft wie jener der Schiiten gab es unterschiedliche Prioritäten in der religiösen Wissensvermittlung, erst recht zwischen Sunniten und Schiiten. Das Theologiestudium war im Islam immer eine Ausbildung zur Apologie, was bis heute gültig ist. Damals setzte man sich für die richtige Lesart des Korans und die Erhaltung und Vermittlung der überlieferten Texte mit philologischen Hilfsmitteln ein. In den religiösen Bildungsstätten, die im Laufe der Zeit entstanden, wurde hauptsächlich die arabische Sprache gelehrt, ihre semantischen und literarischen Feinheiten, spekulative Theologie und Rechtswissenschaft und ihre methodologische Lehre. Auch Logik und Philosophie gehörten zum Lehrplan, wenngleich sie von vielen Orthodoxen nicht anerkannt waren.

          In den Glaubensinhalten, in Fragen der Echtheit eines bestimmten Korpus der Überlieferung und in der Koranexegese gingen die Ansichten innerhalb der Muslime jedoch auseinander. Zumal Koranauslegung und etablierte religiöse Wissenschaften nur von bestimmten autorisierten Gelehrten vermittelt wurden. Auch darum dürfen deren Werke und Autorität bis heute nicht in Frage gestellt werden. Auch methodisch widersprach man heftig einer rationalen Herangehensweise, und es gewann eine traditionelle unkritische Lehrmethode, die sich über die Ratio stellte, die Deutungshoheit. Eine scholastische Vorgehensweise, die einen rational-kritischen methodischen Zugang zu Lehrinhalten nicht duldet. Sie setzt einen zweifelsfreien Glauben und die Beschäftigung mit den „koranischen Wissenschaften“ voraus, um die Glaubensinhalte und -rituale zu bewahren. Kritische Denker wie ar-Razi (gestorben 925) wurden zu ihrer Zeit von orthodoxen Gelehrten der Apostasie oder Häresie beschuldigt.

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