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Indische Universitäten : Wie viel Religion verträgt ein Bildungssystem?

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Gegen religiöse Bevormundung: Protest gegen die Verhaftung des Studentenführers Kanhaiya Kumar in Neu Dehli Bild: dpa

Was es bedeutet, wenn die Idee eines säkularen Staates ins Wanken gerät, lässt sich in Indien studieren. Eine hindu-nationalistische Bewegung versucht, das Bildungs- und Kulturleben in die Hand zu nehmen und Wissenschaftlern den Mund zu verbieten.

          Mit nahezu siebenhundert staatlichen und etwa 225 privaten Universitäten sowie mehr als 35 000 Colleges ist Indien nach den Vereinigten Staaten und China der größte Bildungsmarkt der Welt. Zwar beträgt der Anteil der Schulabgänger an den Hochschulen nur achtzehn Prozent, aber das macht bei der hohen Bevölkerungszahl Indiens - jeder sechste Mensch kommt aus diesem Land - annähernd sechsundzwanzig Millionen Studenten. Allein 3,2 Millionen davon und damit mehr als die Gesamtzahl aller deutschen Hochschüler studieren Ingenieurwesen oder andere technologische Fächer, 3,8 Millionen Naturwissenschaften, etwa 750 000 Medizin. Kein Wunder, dass Indien viele hervorragende Wissenschaftler hervorgebracht hat, darunter elf Nobelpreisträger wie den Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen.

          Nimmt man die immer wieder berichtete, wenngleich fragliche Tatsache hinzu, dass die erste Universität der Welt im fünften Jahrhundert vor Christus in Nalanda im nördlichen Bundesstaat Bihar gegründet wurde und Indien auf eine reiche wissenschaftliche Literatur in Sanskrit zurückblickt, kann das Land mit vollem Recht stolz auf sein Bildungssystem sein.

          Und doch ist diese höhere Bildung in letzter Zeit ins Gerede gekommen. Bücher, darunter die der Religionswissenschaftlerin und Harvard-Professorin Wendy Doniger oder des renommierten Historikers Ramachandra Guha, wurden zensiert. Wissenschaftler wurden wegen unliebsamer Passagen in ihren Büchern tätlich angegriffen. Der Journalist und Vorsitzende des Thinktanks Observer Research Foundation, Sudheendra Kulkarni, wurde bei der Vorstellung eines Buches des ehemaligen pakistanischen Botschafters mit schwarzem Schmierfett überschüttet. Die Spitzen von wissenschaftlichen Verbänden und Organisationen sowie Universitäten werden zielgerichtet durch hindunationalistische Getreue ausgewechselt.

          Der Schriftsteller und Englischprofessor K.S. Bhagavan, der das Kastensystem rechtfertigende und frauenfeindliche Verse der Bhagavadgita anprangerte, steht wegen Morddrohungen unter Polizeischutz. Der Schriftsteller und ehemalige Universitätspräsident M. M. Kalburgi oder die linken Aktivisten Narendra Dabholkar und Govind Pansare wurden bereits ermordet. Das öffentliche Klima ist so aufgeheizt, dass es zu interreligiösen Spannungen und Konflikten kommt. Den Höhepunkt bildete die Lynchjustiz an einem Muslim im Norden Indiens, dem der Mob unterstellt hatte, Rindfleisch gegessen zu haben. Ohne einzugreifen, sahen dabei Regierungsbeamte zu.

          Protest studentischer Aktivisten gegen anti-nationale Bewegungen an der Jawaharlal University in Neu Dehli

          Vor zwei Wochen hat die Verhaftung des Studentenführers Kanhaiya Kumar der angesehenen Jawaharlal Nehru University (JNU) in Neu Delhi zu landesweiten Protesten geführt, welche die Titelseiten vieler Zeitungen bestimmten und deren Folgen noch nicht abzusehen sind. Die Anklage gegen Kumar lautet auf Anstiftung zum Aufruhr. Eine kleine Gruppe von Studenten wollte der Hinrichtung des kaschmirischen Freiheitskämpfers Afzal Guru gedenken. Dabei sei es angeblich zu antinationalen Slogans gekommen. Immer häufiger versuchen hindunationalistische Studentengruppen demokratische oder linksliberale Versammlungen auf diese Weise zu verunglimpfen und die indische Öffentlichkeit gegen sie aufzubringen.

          Ministerpräsident Modi schweigt zu all diesen Vorfällen. Nach außen bewahrt er sogar eine gewisse Distanz zu dem besonders aktiven Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einer hindu-nationalistischen Kaderorganisation, aus der er ebenso stammt wie Ministerin Smriti Irani, die für das nationale Erziehungswesen zuständig ist. Sie setzte durch, dass Deutsch als dritte Sprache an den Schulen der zentralen Regierung dem Sanskrit weichen und das vom deutschen Außenministerium erfolgreich betriebene Programm „Deutsch an 1000 Schulen“ vorübergehend eingestellt werden musste. Erst bei dem letzten Besuch von Kanzlerin Angela Merkel Anfang Oktober war seine Fortsetzung beschlossen worden, freilich unter der Maßgabe, dass indische Sprachen einschließlich Sanskrit auch an deutschen Schulen und Universitäten gefördert werden sollten.

          Diese politisch motivierte Förderung des Sanskrit sieht vor, dass alle Bundesstaaten Indiens eine Sanskrit-Universität errichten und an allen staatlichen Universitäten das Fach Sanskrit gelehrt wird. So wünschenswert die Förderung dieser klassischen Sprache ist, so geht sie doch auf Kosten eines traditionellen Bildungssystems, das auf intensiven und langjährigen Lehrer-Schüler-Beziehungen beruht. Auch fragt sich, welche Berufe denn die vielen Sanskrit-Studenten später einmal ergreifen sollen.

          Vedische Mathematik, mythisch verbrämte Medizin

          Besonders schlimm hat es die Historiker getroffen. In der angesehenen Fördereinrichtung Indian Council of Historical Research (ICHR) wurden alle Präsidiumsstellen mit Regierungstreuen besetzt. Fortan, heißt es, solle die indische Geschichtsschreibung an religiösen Epen wie dem Mahabharata oder dem Ramayana und nicht an verifizierbaren Fakten ausgerichtet sein. Die Lehrpläne in den Schulen sollen entsprechend umgeschrieben werden. Die Schulbücher sollen eher zu religiösen Katechismen werden als zu selbständigem Denken anregen. Über fünfzig Historiker protestierten daraufhin scharf. Zahlreiche Wissenschaftler und Künstler gaben höchste Auszeichnungen zurück. Amartya Sen trat bereits 2013 wegen dieser Entwicklungen als Präsident der wiederbelebten Nalanda-Universität zurück.

          An den Universitäten und Schulen blühen jetzt abstruse Vorstellungen. Ernsthaft werden - auch von Narendra Modi - Thesen vertreten, dass Indien einst in der plastischen Chirurgie führend war, weil etwa der Gott Ganesha einen Elefantenkopf auf einem anthropomorphen Körper hat - ein mythisches Motiv, das auch Thomas Mann in seiner Novelle „Die vertauschten Köpfe“ verarbeitet hat. Oder es wird gesagt, dass die alten Inder das Flugzeug, ja die Raumfahrt kannten, weil es so in mythologischen Texten steht. Auch wird das Fach „vedische Mathematik“ propagiert, das weder vedisch ist, weil es sich nicht auf die alten geheiligten Schriften berufen kann, noch eine eigene Form von Mathematik darstellt, sondern nur bestimmte Rechentricks eines Heiligen, des Swami Bharati Krishna Tirthaji (1884 bis 1960), enthält. Ende November hatte sich eine Konferenz dieser Themen angenommen und die Auswirkungen etwa auf eine hinduistische Agrarwissenschaft oder religiös gefärbte Medizin untersucht.

          Solches Beschwören der glorreichen Vergangenheit beruht wohl auf einem Minderwertigkeitskomplex aufgrund der kolonialen Erfahrung. Unter der Kolonialherrschaft wurde einheimisches Wissen als unbrauchbar abgetan. Bezeichnend ist die folgende Aussage des britischen Historikers Thomas Macaulay (1800 bis 1859) aus dem Jahr 1853: „Ich kann weder Sanskrit noch Arabisch, aber ich (. . .) habe mich hier und zu Hause mit Menschen unterhalten, die sich durch ihre Beherrschung in östlichen Sprachen auszeichneten. (. . .) Ich habe nie einen unter ihnen gefunden, der leugnen konnte, dass ein einziges Regal in einer guten europäischen Bibliothek so viel wert ist wie die ganze einheimische Literatur in Indien und Arabien.“ Nicht zuletzt wegen solcher nachwirkenden Beleidigungen wird jetzt die offizielle Leitlinie ausgegeben, dass der Westen materiell, Indien aber spirituell überlegen sei. Und da der Geist mehr zähle als das Materielle, sei Indien über den angeblichen Vorsprung des Westens in Technologie und Wirtschaft erhaben.

          Niedergehaltene Potentiale

          Romila Thapar, die Grande Dame der indischen Geschichtswissenschaft und Emerita an der JNU, beklagt in ihrem jüngsten Buch „The Public Intellectual in India“ die neue Situation der Gebildeten. Die Regierung lasse keine Visionen mehr zu, wolle ungleiche Rechte für Staatsbürger, unterdrücke die Offenheit, Alternativen zu diskutieren, und gebe die verfassungsgemäße Idee eines säkularen Staates und Bildungssystems auf. In der Folge hätten aber auch die Intellektuellen Religion nur zu einer Privatsache erklärt und den religiösen Platz den safranfarben gekleideten Rechten überlassen, die in immer stärkerem Maß Lebensformen, Bücher, Nahrungsmittel oder Kleidung verbannen und künstlerische Ausdrucksformen zensieren. Unverfroren behaupteten diese beispielsweise, dass Frauen vergewaltigt werden, weil sie sich nicht anständig benehmen und kleiden oder in der Dunkelheit aus dem Haus gehen.

          Diese religiöse, ideologische und halbwissenschaftliche Ausrichtung des staatlichen indischen Bildungssystems und des Kulturwesens ist auch deshalb so schwerwiegend, weil das große Potential der indischen Jugend noch gar nicht ausgeschöpft ist. Denn nach wie vor behindern schwere strukturelle Mängel den Anschluss an international gehobene Standards. Viele Schüler können aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen nicht studieren. Die Ausgaben für Bildung betragen nur 0,9 Prozent des Bruttosozialprodukts; in China sind es 0,4 Prozent. Es besteht zu wenig Konkurrenz, und es gibt zu viele Rücksichtnahmen auf Kasten- und kommunale Vorrechte. Universitäten machen oft zu wenig Forschung, für die es kaum Anreizsysteme und Wettbewerb gibt.

          Es mangelt an einer Qualitätssicherung, Evaluierungen haben kaum Konsequenzen. Die ganz auf Indien ausgerichteten Geistes- und Sozialwissenschaften betreiben zu sehr Nabelschau. Kaum findet man ausländische Gelehrte auf den riesigen Historiker- oder Soziologenkongressen Indiens. Dass Indien überhaupt immer wieder international führende Köpfe in fast allen Disziplinen hervorgebracht hat, liegt eher an wenigen akademischen Leuchttürmen und der schieren Masse der Absolventen als an einer klugen Bildungspolitik.

          Der Maulkorb, der jetzt indischen Wissenschaftlern, Studenten, Intellektuellen und Künstlern verpasst wird, ist Gift für die so dringlich benötigte Verbesserung des Bildungswesens. Er gefährdet den kritischen Geist und den Pluralismus, auf den jede Gesellschaft und alle Wissenschaft angewiesen sind. Gerade Indien hat durch seine Vielfalt an Religionen und Traditionen, auch in den traditionellen einheimischen Wissenschaften bewiesen, wie sehr diese Vielzahl an Positionen und Meinungen förderlich ist.

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