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Identitätspolitik : Alte Männer auf der Abschussliste

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Zielte die Geschlechterforschung darauf, die Vermittlung von ästhetischer Form und gesellschaftlichem Gehalt zu entfalten, bricht sich unter dem Vorzeichen der Gender Studies eine Neigung zu blinder Klassifikation Bahn, die nur „weiße“ und „nichtweiße“, „männliche“ und „weibliche“ Texte kennt und deren „weiße“, „männliche“ usw. Qualität über die Herkunft des Autors herleitet. Diese deterministische Denkweise wird auf die soziale und sexuelle Sphäre einfach übertragen. Ob ein „bürgerlicher“ Autor nicht vielleicht in der Lage ist, „unbürgerliche“ Texte zu schreiben, und ein schwuler chauvinistische, kommt nicht in den Blick, weil die Texte nur als Sekundäreffekte der vom Interpreten dekretierten Identität der Verfasser gelten.

Beschwörung von Identitäten

Die gleiche Identitätswut herrscht auf anderen Gebieten. So wird Religionskritik inzwischen vorwiegend als vager Atheismus praktiziert, der den Wahrheitsanspruch theologischer Dogmen nicht beim Wort nimmt, sondern Religion als Derivat von Kultur einhegt. Die Allianz von Atheismus und Kulturrelativismus kommt dem Islam als der Religion, in der Wahrheits- und Herrschaftsanspruch sich am wenigsten voneinander differenziert haben, besonders entgegen. Die Rubrizierung des Judentums als Kultur, wie sie in den Kulturwissenschaften und vielen Jüdischen Studien üblich ist, neigt dagegen dazu, differenzierte Forschungen über die universalgeschichtliche und politische Bedeutung jüdischer Personen und Institutionen zugunsten der Reduktion von Juden auf eine Art schützenwerte Ethnie zu marginalisieren.

Edward Saids antiwestliche Kampfschrift „Orientalism“ ist im Kanon der kulturwissenschaftlich renovierten Religionswissenschaften zum Grundlagentext geworden, während „Occidentalism“, Ian Burumas und Avishai Margalits gegen Said gerichtete Verteidigung westlicher Zivilisation, allenfalls als vom akademischen Konsens abweichende Meinung verhandelt wird. Religiöse Identität wird als Index gleichberechtigter, indifferent nebeneinander bestehender Kulturen aufgefasst. Wer zwischen ihnen sachlich begründete Hierarchien einführen möchte, gilt als Eurozentrist.

Auch die Beschwörung von Identitäten ist ein Erbe der Neuen Linken, deren von Herbert Marcuse bezogene Randgruppentheorie den Identitätsbegriff massentauglich gemacht hat. Die Neigung zur genussvollen Selbstkasteiung, die sich in der imaginären Identifikation der vorwiegend dem Bürgertum entstammenden Achtundsechziger mit den Unterprivilegierten gegen den Universitätsbetrieb wandte, wird heute jedoch in diesem selbst eingeübt. Zentral dabei ist der Verzicht auf den aller Ideologiekritik zugrundeliegenden Begriff der Wahrheit. Auf Kategorien wie die des Geltungsanspruchs eingedampft, firmiert er mittlerweile als Hauptfeind eines Milieus, dem die Kritik „europäischer“, „weißer“, „männlicher“ und „westlicher“ Privilegien derart zur Routine geworden ist, dass es zwischen Erkenntnis und Obskurantismus immer seltener unterscheidet.

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