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Identitätspolitik : Alte Männer auf der Abschussliste

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Da es ihr um Erkenntnis des Gegenstands und nicht um dessen geschlechterpolitische Ummodelung ging, galt der Geschlechterforschung das biologische Geschlecht der betrachteten Autoren zwar als wichtige Information, nicht aber als Qualitätsindex. Im Gegenteil war ihr in Treue zu Virginia Woolfs Essay „Ein Zimmer für sich allein“ bewusst, dass literarische Texte von Autorinnen über Jahrhunderte hinweg oft gerade wegen der beengten und stumpfsinnigen Umstände, in denen diese lebten, im Vergleich mit denen männlicher Kollegen epigonal und konservativ ausfielen. Die Genderforschung hat sich solche Einsichten abgewöhnt. Wie sie arbeitet, hat die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Nele Pollatschek in einem Essay über ihre Arbeit als Dozentin für Englische Literatur in Oxford für das Campus-Magazin der „Zeit“ vor Augen geführt.

Nietzsche kennen sie schon

Es habe sie, schreibt Pollatschek, immer gestört, „dass die Lehrpläne der Seminare, die ich als Studentin besuchte, fast ausschließlich weiß, männlich, hetero und christlich waren“. Was ein „weißer“, „männlicher“ oder „christlicher“ Lehrplan ist, hat sich ihr offenbar nicht durch Lektüre der darin kanonisierten Bücher, sondern durch racial und sexual profiling erschlossen. Sonst könnte sie nicht stolz bekanntgeben, in „ihren“ Lehrplänen Texte von George Eliot und Oscar Wilde untergebracht zu haben - von „einem schwulen, weißen Mann und einer heterosexuellen, weißen Frau die unter einem männlichen Pseudonym schrieb“. Erst recht könnte sie nicht unterstellen, dass der westliche Kanon pure Ideologie sei. Der Lektüreplan für ein Seminar zum Thema „Philosophie und der Ideenroman“ lasse sich, behauptet sie, in „zehn Sekunden“ schreiben, wenn man „Goethe, Voltaire, Carlyle, Froude, Dostojewski, Sartre, Nietzsche“ behandele, die man sowieso „in- und auswendig“ kenne. Einen „inklusiven und diversen“ Lehrplan zu erstellen bedeute dagegen „echte Arbeit“: „Aber am Ende hatte ich eine Lektüreliste, auf der eben auch Texte stehen wie (. . .) ,Invisible Man‘ von Ralph Ellison, ,The Just City‘ von Jo Walton und ,The Sailor who fell from Grace with the Sea‘ von Yukio Mishima.“

Nur sind Lehrpläne und Curricula keine Erfindungen von Einzelpersonen, sondern an den Erfordernissen des Gegenstands gebildete Kondensate akademischer Erfahrung. Nicht aus Borniertheit bleiben sie über Jahre hinweg relativ unverändert, sondern weil sie sich im Hinblick auf die Möglichkeiten geistiger Erkenntnis bewährt haben. Wer ihnen politische Überzeugungen und institutionelle Quoten überstülpen möchte, missversteht ihren Zweck. Außerdem verdankt sich der Rang von Goethe, Voltaire, Dostojewski oder Nietzsche nicht einfach Vorurteilen, sondern der unendlichen Ausdeutbarkeit ihrer Werke, die „in- und auswendig“ zu kennen nur behaupten kann, wer von ihnen nichts begriffen hat. Den Gender Studies aber geht es nicht um Verständnis ihrer Gegenstände, sondern um deren Subsumption unter leere Allgemeinbegriffe. Goethe und Voltaire können dann nichts sein als Repräsentanten weißen, christlichen Mannseins, denen Ellison als afroamerikanische und Mishima als fernöstliche Inkarnation gegenüberzustellen sind.

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