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Die Zukunft der Menschheit : Was hilft der kluge Kopf in der viel klügeren Welt?

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„Tiefes Lernen“ nennen Informatiker dieses Prinzip, bei dem es darum geht, Algorithmen so zu programmieren, dass sie sich selbständig an ihr Umfeld anpassen. Hassabis ist der Gründer von Deep Mind, einem Unternehmen, das seine Mission in zwei Worten zusammenfasst: „Solve Intelligence.“ Die echte Welt ist zwar komplexer als ein zweidimensionales Computerspiel. Doch wenn Maschinen lernen, sich dort durchzusetzen, warum sollte es ihnen nicht gelingen, auch in der Wirklichkeit eigenständig Ziele zu verfolgen?

Die dümmste Spezies, die je die Welt dominieren könnte

Fachleute beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass die Konstruktion künstlicher Intelligenz auf menschlichem Niveau bis 2050 gelingt, auf fünfzig Prozent. Statt einer eigenen Schätzung hat Bostrom analysiert, wie sich die Prognosen führender Wissenschaftler im Laufe der Jahrzehnte nach hinten verschoben haben. Er folgert daraus, dass die Angaben vermutlich zu optimistisch sind. Doch wer weiß das schon? Google jedenfalls kaufte Deep Mind im vergangenen Jahr und zahlte für das Unternehmen mit etwa fünfundsiebzig Mitarbeitern und ohne fertiges Produkt angeblich eine halbe Milliarde Euro.

Zukunft im Kopf: Nick Bostrom

In Sandbergs Büro hängt ein Plakat mit dem Gehirn eines Rhesusaffen. Frontalkortex, Temporallappen und Stammhirn unterscheiden sich kaum von denen des Menschen. Wenn Sandberg sagt, die Menschheit sei „die dümmste Spezies, die je die Welt dominieren könnte“, dann meint er das ganz nüchtern: Unser Gehirn hat sich gerade so weit entwickelt, dass wir ausreichend Kultur und Technologie hervorbringen konnten, um andere Arten zu unterwerfen. Nun, glaubt Sandberg, haben wir die Möglichkeit, unser Gehirn selbst ein bisschen fitter zu machen.

Von dem „kosmischen Potential“ der Menschheit sprechen die Forscher immer wieder. Wenn es uns gelinge, die kommenden Jahrhunderte zu überstehen, dann könne sich die Menschheit in der Galaxie ausbreiten, Milliarden und Abermilliarden zukünftiger Menschen könnten ein glückliches Leben führen.

Urschleim für zukünftige, vollkommene Wesen

Konzentrationsfördernde Medikamente, Tiefenhirnstimulation, technische Implantate: Sandberg sorgt sich durchaus um negative Auswirkungen technologischer Neuerungen, etwa auf Gesundheit oder Chancengerechtigkeit. Aber warum eine technische Aufrüstung unserer Spezies intrinsisch schlecht sein sollte, kann er nicht nachvollziehen. Die Zweifel der Optimierungs-Skeptiker hält er für ähnlich unbegründet wie den Argwohn gegenüber lebensverlängernden Maßnahmen. Der Einwand, Altern sei ein natürlicher Prozess, ist für ihn ein „merkwürdiges Argument gegen all das vom Altern verursachte Leid“. Sandberg spricht von einer „Status-quo-Voreingenommenheit“. Wir haben uns Geschichten zurechtgelegt, sagt er, um mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen, erzählen uns, jeder Tag sei ein Geschenk, hoffen auf ein Leben nach dem Tod. Das Leben sei wie ein Buch, habe einmal jemand zu ihm gesagt, es habe einen Anfang und ein fixes Ende. Gut, dachte Sandberg, aber manche Bücher sind dünn, andere dick, „und manche sind achtbändige Fantasy-Epen!“

„Was bedeutet IQ 300?“, steht neben dem Diagramm zu den menschlichen Überlebenschancen. Die Forscher des FHI haben ausgerechnet, um wie viele Punkte wir den durchschnittlichen IQ durch eine Auswahl der besten Keimzellen steigern könnten. Bostrom diskutiert in seinem Buch, ob biologisch optimierte Menschen eher in der Lage wären, sich vor Superintelligenzen zu schützen. Auf die Frage, was solche Eingriffe für unser Zusammenleben bedeuten, bleibt er vage: „Eine Welt voller Super-von-Neumanns würde wohl in vielerlei Hinsicht anders aussehen.“ Wollen wir in einer Welt leben, in der ein Jahrhundertgenie wie der Mathematiker John von Neumann der dümmste Mensch wäre? Für Bostrom ist das eine rein utilitaristische Abwägung der Frage, inwiefern das die Wahrscheinlichkeit unseres Aussterbens und die Chance der Verwirklichung unseres kosmischen Potentials verändern würde.

In der Idealvorstellung der FHI-Forscher formen wir heutigen Menschen bloß den Urschleim für zukünftige, vollkommene Wesen, die das ganze Universum bevölkern. Eine solche Kolonialisierung, glaubt Bostrom, werden wir kaum mit unseren „kleinen biologischen Gehirnen“ bewältigen können. Trotz aller Gefahren hofft er daher, dass die Menschen einen Weg finden, eine Superintelligenz zu bauen und zu kontrollieren. Wer immer die Menschen dann sind.

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