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100 Jahre Frankfurter Goethe-Universität : Durchaus studiert mit heißem Bemüh’n

Prachtbau - und alles ohne einen staatlichen Pfennig: Frankfurts Johann Wolfgang Goethe-Universität, um 1920 Bild: Universitätsarchiv

Als Frankfurter Bürger die Goethe-Universität ins Leben riefen, brach der erste Weltkrieg aus. Heute ist sie Stiftungsuniversität. Dazwischen liegt eine bewegte und eindrucksvolle Geschichte. Ein akademischer Strauß zum Hundertsten.

          Wäre es heute in Deutschland noch möglich, eine Universität wie die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität zu gründen? Die Frage ist nicht ganz fair, denn man hätte sie schon fünf Jahre nach ihrer Eröffnung so nicht mehr gründen können. Als die Frankfurter Universität vor einhundert Jahren, am 18. Oktober 1914, ihre Türen öffnete, ging die Epoche gerade jäh zu Ende, der sie ihre Möglichkeit verdankte. Der Kaiser musste der Festversammlung fernbleiben, er hatte gerade einen Weltkrieg mit ausgelöst. Dieser machte damals alle Erwartungen des deutschen und europäischen Bürgertums zunichte, die tragende Schicht der gesellschaftlichen Entwicklung zu sein. War das auch vor 1914 vielleicht nur noch eine Illusion, so konnte sie danach jedenfalls niemand mehr haben.

          Die Frankfurter Universität entstand 1914, wie kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Hamburger Universität, als eine Bürgergründung. Die Formel „Besitz und Bildung“, die für das Bürgertum gefunden wurde und mitunter auch die Möglichkeit „Besitz oder Bildung“ einschloss, ist dafür angemessen. Oberbürgermeister Franz Adickes und der Gründer der Metallgesellschaft, Wilhelm Merton, waren die maßgeblichen Akteure. Die Anfangsgründe des Universitätsklinikums lagen im Carolinum, einer karitativ ausgelegten Zahnklinik, die von Hannah Luise von Rothschild gegründet worden war.

          Prachtbau anderer Art: das von Hans Poelzig entworfene ehemalige I.G.-Farben-Haus, ab den fünfziger Jahren Quartier der amerikanischen Streitkräfte und seit 2001 der Campus Westend der Goethe-Universität Bilderstrecke

          Entscheidende Finanzmittel kamen aus dem Erbe des Frankfurter Buchhändlers Jügel und von der Bankierswitwe Franziska Speyer, die vor allem die Forschungen des Pharmakologen Paul Ehrlich unterstützte. Merton, Rothschild, Speyer - man muss diese Namen nur aufrufen, um einen weiteren Grund dafür zu nennen, dass eine solche Universitätsgründung später nicht mehr möglich war. Bis 1918 konnte das jüdische Bürgertum in Deutschland glauben, integrierter Teil der hiesigen Stadtgesellschaften zu sein. Dass die Goethe-Universität nach 1945 eine derjenigen war, die unter den Professoren vergleichsweise viele Rückkehrer aus der Emigration und Überlebende des Judenmords anzuziehen vermochte, ist ein schwaches Echo davon.

          Amerikanische Anfänge

          Schon unter ihren Forschern und Lehrern vor der Katastrophe waren bedeutende jüdische und aus jüdischen Familien stammende Gelehrte, nicht selten Pioniere in ihren Disziplinen. Das gilt für Paul Ehrlich genauso wie für Franz Oppenheimer, den Soziologen, und seinen Nachfolger, Karl Mannheim. Die jungen Philosophen rund um das 1924 ebenfalls mäzenatisch eingerichtete Institut für Sozialforschung haben den Ruf der Universität fast ein halbes Jahrhundert lang geprägt.

          Der Historiker Ernst Kantorowicz hingegen hatte seinen Lehrstuhl kaum bestiegen, als ihn die Nationalsozialisten in die Emigration trieben. Auch die erste in Frankfurt habilitierte Frau, die Bakteriologin Emmy Klieneberger-Nobel, stammte aus einer assimilierten Familie und musste 1933 aus Deutschland fliehen. Dass mit dem ausgesucht dummen und widerlichen Pädagogen Ernst Krieck der erste Nationalsozialist in einem deutschen Rektorenamt ausgerechnet an der Universität Frankfurt installiert wurde, die seit 1932 den Namen Goethes trug, war insofern auch ein Kommentar zu ihrer Gründung.

          Es steckte, von heute aus gesehen, etwas Amerikanisches in den Anfängen dieser Universität, nicht nur der Stifter halber, die zur Gabe wirklich großer Summen bereit waren, wie zuletzt die Bankfamilie Kassel. Von Beginn war die Universität auch neuen Fächern gegenüber aufgeschlossen. Unter den ersten Studenten, 618 an der Zahl, war ein Sechstel Frauen. Ihnen allen standen fünfzig Professoren gegenüber - ein Betreuungsquotient von 12,4 (heute beträgt er hier, wie andernorts, im Durchschnitt gut 60).

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