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Hochschulwesen Großbritannien : Beruf verfehlt

  • -Aktualisiert am

Sichtlich not amused: Die herausragend gut bezahlte Stelle von Glynis Breakwell, Rektorin der Universität Bath, steht möglicherweise auf dem Spiel. Bild: Dominic Lipinski/PA Wire

Was darf ein Universitätsrektor verdienen? In England hat das exorbitante Gehalt von Glynis Breakwell, die als Rektorin der Universität Bath 468.000 Pfund bezieht, eine Diskussion ausgelöst.

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          Ökonomische Zwänge haben die Vorstellung von einer Bildung, die der Persönlichkeitsentfaltung dient, längst verdrängt. Symbolhaft für die Auffassung, dass das Studium als Berufsausbildung zu betrachten sei, war die Entscheidung der Regierung Blair, das Hochschulwesen dem Wirtschaftsministerium zu unterstellen. Studenten gelten als Verbraucher, Hochschulen als Unternehmen. Der Zuspruch, den Jeremy Corbyns Labour Party bei jungen Wählern findet – nicht zuletzt, weil sie gegen Studiengebühren ist –, hat die Regierung May dazu veranlasst, die Studienfinanzierung zu überdenken. Unterdessen versucht die Premierministerin den Unmut mit dem Versprechen zu dämpfen, die Gebühren bei 9250 Pfund im Jahr einzufrieren. Gleichzeitig kündigte sie an, dass Universitätsabsolventen erst bei einem Jahresgehalt von 25.000 Pfund (statt 21.000) damit beginnen müssen, ihr Darlehen abzustottern. Die Einsicht, dass dessen Begleichung für die meisten Studierten einer Sisyphusarbeit gleicht, lässt immer mehr an der Tragbarkeit des Systems zweifeln.

          Umso heftiger die Kritik an der Entlohnung einiger Universitätsrektoren, allen voran Dame Glynis Breakwell, Rektorin der Universität Bath, die mit 468.000 Pfund das höchste Gehalt der Branche bezieht, obwohl ihre Institution in den Ranglisten keineswegs an der Spitze steht und das durchschnittliche Rektorengehalt halb so hoch ist. Die Sozialpsychologin, deren Verdienste nicht in Frage stehen, stellt sich auf den Standpunkt, dass sie das Geld wert sei.

          Akademiker oder Unternehmensleiter?

          In Bath brachte nicht nur die unverhältnismäßige Höhe des Betrags das Fass zum Überlaufen, sondern auch die ungeschickte Handhabung des Protestes. Dame Glynis und andere Mitglieder des Vergütungsausschusses stimmten in eigener Sache einfach selbst mit, als im Universitätsrat ein Missbilligungsvotum eingebracht wurde. Das hat der Universität jetzt eine Rüge von der Aufsichtsbehörde eingetragen. Die Stelle von Dame Glynis steht auf dem Spiel. So spezifisch diese Umstände sein mögen, beleuchten sie doch eine grundsätzliche Auseinandersetzung, in der Forderungen nach einer Obergrenze in Höhe von 150.000 Pfund laut werden. Dagegen wird eingewandt, dass begabte Führungskräfte in die Vereinigten Staaten abwandern würden.

          Damit stellt sich freilich die Frage, ob Rektoren, wie einst, eher als hochgestellte Akademiker einzustufen sind oder als Unternehmensleiter. Louise Richardson, Vizekanzlerin von Oxford, die wegen ihres Gehaltes ebenfalls unter Druck geraten ist, obwohl sie mit 350.000 Pfund deutlich weniger verdient als Dame Glynis, verwies zur Rechtfertigung darauf, wie gering Rektorengehälter seien im Vergleich zu Bankern und Fußballern. Hochschulstaatsminister Jo Johnson steht nicht allein mit der Vermutung, dass sie sich im Beruf geirrt habe, wenn sie sich an Fußballstars messe.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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