https://www.faz.net/-gqz-77ety

Hochschulpolitik : Die dritte Funktion der Universität

Das Zusammensein von alten und jungen Studenten, wie hier in Berkeley, kennzeichnet die Tradition der amerikanischen Colleges. Bild: AFP

Nach 1945 gab es in den britischen und amerikanischen Besatzungszonen die Anregung zur Gründung von Colleges an deutschen Universitäten. Daraus wurde aber nichts. Heute gäbe es gute Gründe, die Idee noch einmal zu durchdenken.

          6 Min.

          Vor kurzem lud der neue Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, im Rahmen einer Frankfurter Gastvorlesung zu einem Symposion über „Geisteswissenschaften oder Humanities?“ ein. Gefragt wurde also, ob es prinzipielle Unterschiede dieser philologisch-historischen Fächergruppe in der angelsächsischen und der deutschsprachigen Hochschulwelt gibt. Dass sie sich im Bereich der Forschung kaum finden lassen, liegt auf der Hand. Die Wissenschaftler publizieren in denselben Zeitschriften, zitieren einander und ahmen einander nach, deutsche Forscher haben keine Schwierigkeiten, in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien eine Beschäftigung zu finden. Man kann es den Texten meistens nicht ansehen, wo ihre Autoren herkommen, allenfalls schreiben manche Engländer besser.

          Anders sieht es aus, wenn man die universitäre Lehre betrachtet. Das fängt bei ihrem Umfang an. In Deutschland sind - laut OECD-Statistik für das Jahr 2010 - weltweit deutlich am meisten Studierende in den Geisteswissenschaften eingeschrieben. Es sind 17,4 Prozent aller Studenten, das nächst plazierte Japan kommt auf 14,3 Prozent, es folgen Länder wie Dänemark (11,1) die Vereinigten Staaten (10,5) und Frankreich (9,7), in den Niederlanden sind es 4,5 Prozent, in Schweden gar nur vier Prozent.

          Humanties sollten alle angehen

          Das liegt allerdings nicht an einer Aversion deutscher Abiturienten gegenüber den Naturwissenschaften. Auch dort steht Deutschland mit 16,6 Prozent der gesamten Studierenden deutlich vor den genannten Vergleichsländern; die Vereinigten Staaten beispielsweise kommen hier auf etwa acht Prozent, Japan nur auf 4,6 Prozent, die Niederlande auf etwa sechs Prozent, und auch die Schweiz (10,1), Kanada (12,8) und Großbritannien (13,5) liegen hinter Deutschland.

          Nach unten reißt Deutschland vielmehr bei den Sozialwissenschaften, bei der Betriebswirtschaftslehre und der Jurisprudenz aus. Halb Mexiko studiert diese Fächer, in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind es gut vierzig Prozent aller Studenten, in Japan, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden und der Schweiz mehr als ein Drittel - aber in Deutschland sind es 27,6 Prozent.

          Bevor man in Amerika auf die Universität darf, sollte man ein College besucht haben - eine Tradition die für Deutschland bedacht werden sollte.
          Bevor man in Amerika auf die Universität darf, sollte man ein College besucht haben - eine Tradition die für Deutschland bedacht werden sollte. : Bild: Reuters

          Diese quantitative Stärke der deutschen Geisteswissenschaften in der Lehre, die entsprechend viel Forschung nach sich zieht, weil das Lehrpersonal sich ja über sie qualifiziert, wird noch eindrücklicher dadurch, dass es sich hierzulande stets um ein Fachstudium handelt. In den Vereinigten Staaten hingegen werden in den ersten Studienjahren zumeist keine Fächer, sondern Kurse in Fächern belegt. Die „Humanities“ sind Teil des College-Lehrplans, der allererst die Grundlagen für ein eventuell danach ergriffenes Fachstudium legt; für alle, die es nicht beim Bachelorabschluss belassen. Kein Mediziner, kein Jurist und auch kein Naturwissenschaftler, der es zuvor nicht mit Geschichte und Literatur zu tun bekam - und umgekehrt auch kein Philologe oder Philosoph, der nicht von Statistik gestreift wurde.

          Das heißt für die Geisteswissenschaften in der Lehre, sich auf den Verständnishorizont von Studierenden einzustellen, von deren Mehrzahl feststeht, dass sie nicht im Traum daran denken, Literaturwissenschaftler oder Historiker zu werden. „Humanities“ ist insofern ein Ausdruck für das, was an den Fragestellungen und Antworten der Geisteswissenschaften alle angehen könnte, nicht nur künftige Forscher oder spezialisierte Berufstätige im Kultursektor (Museen, Redaktionen, Verlage und all das). Im Blick auf die große Zahl der Studenten in den Geisteswissenschaften könnte man auch sagen: „Humanities“ ist ein Name für das, was für die meisten von ihnen sinnvoll wäre, eine Lehre nämlich, die sich an den allgemeinen Bildungsaspekten der Befassung mit kulturellen Artefakten orientiert und nicht am Horizont der Forschung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die AfD-Fraktion im deutschen Bundestag berät sich nach der gescheiterten Wahl von Mariana Harder-Kühnel zur Bundestagsvizepräsidentin.

          Bundestagsarbeit : Die AfD macht nicht mit

          Früher einigten sich die Fraktionen im Bundestag auf eine Tagesordnung. Aber die AfD ist immer dagegen. Was tun?
          Frauen demonstrieren kurz nach Donald Trumps Amtseinführung im Januar 2017 in Washington

          Entscheidende Wählergruppe : Trumps Frauen-Problem

          Frauen in den Vorstädten könnten über den Sieg bei der amerikanischen Präsidentenwahl entscheiden. Donald Trump umwirbt diese Wählergruppe intensiv. Nicht alle der Angesprochenen finden sein Vorgehen gut.
          Konrad Zuse hat nicht nur den ersten funktionierenden Computer gebaut.

          Deutscher Informatiker : Der unterschätzte Konrad Zuse

          Der Erfinder des modernen Computers hat noch mehr vollbracht: Dazu zählen eine Programmiersprache – und Pionierleistungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.