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Hochschulen : Wie ein Studienort zerstört wurde

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Vierter Akt: Die Leere zu Gießen. Präsident Nienhaus versetzt meine Studenten und mich nach Gießen. Der Minister zieht sein Wort zurück: „Ich hatte Ihnen den Vorschlag gemacht, dass Sie für den Fall, dass Sie die Zentrenbildung unterstützen und auch öffentlich mittragen, Sie Ihre Professur in Marburg oder Gießen zunächst wahrnehmen könnten. Bedauerlicherweise haben Sie bis heute massiv, insbesondere öffentlich - zuletzt anlässlich der Veranstaltung mit Frau Professor Süßmuth - die Zentrenbildung kritisiert und nicht auf der Basis unseres Gesprächsverlaufs agiert. Ihr Verbleib in Marburg macht deswegen keinen Sinn mehr.“ Diesen Satz muss man zweimal lesen, Art. 5 des Grundgesetzes nur einmal.

Der Gießener Hochschulpräsident freut sich über das Osteuropazentrum. Um zu beweisen, dass Gießen der richtige Ort ist, hat er zwei Gutachten eingeholt. Sie sind von solcher Qualität, dass er es vorzieht, sie nie zu verwenden. Da die sprachwissenschaftliche Turkologie und die Slawistik die wichtigsten Fächer des Osteuropazentrums sind, sieht das interdisziplinäre Konzept des Zentrums ziemlich einfach aus: die slawisch-türkischen Beziehungen. Jeder, der etwas von Osteuropa versteht, hält das für ein Randgebiet.

Abstimmung mit den Füßen

Studenten und Dozenten der osteuropäischen Geschichte müssen nach Marburg in die Bibliotheken fahren. Ein DFG-Forschungsprojekt muss in Marburg bleiben. In Gießen könnten die Mitarbeiter nur Däumchen drehen. Die vorzügliche Marburger Bibliothek der slawischen Philologie hat man nach Gießen transportiert. Dort steht sie seit über einem Jahr in Kartons und ist nicht benutzbar. Das Herder-Institut muss nun mit einer Universität kooperieren, mit der es zuvor buchstäblich nichts zu tun hatte. Heute gibt es vier Professoren der osteuropäischen Geschichte in Gießen. Die Zahl der Studenten übersteigt die ihre nicht. Im Vergleich dazu lehrte ich in Marburg ein Massenfach.

Die Marburger Studenten und ihr Professor sind gegangen: Abstimmung mit den Füßen. Die neuen Professoren sind befristet eingestellt. Man soll sie nach Marburg versetzen: Ich wüsste von keinem Professor, der sich gegen eine drastische Verbesserung der Arbeitsbedingungen wehren würde. Ein Semester nur musste ich in Gießen lehren. Als ich mich öffentlich kritisch zum Zentrum äußere, verbietet der Dienstherr weitere Stellungnahmen. Die Direktorin des Zentrums darf im selben Artikel das Blaue vom Himmel erzählen, ohne Maulkorb.

Und das Orientzentrum in Marburg? Da ist die Lage noch trostloser. Man könnte es „Nienhaus Interdisciplinary Center for Hebrew and Transarabian Studies“ nennen. Aber wer will für tausend Euro Studiengebühren im Jahr im Marburger Nichts, das heißt nichts studieren?

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