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Hochschulen : Wie ein Studienort zerstört wurde

  • -Aktualisiert am

Keine Stimme für Gießen

Auf dem Höhepunkt der Debatten kommt es zu einem Gespräch mit Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU). Corts bittet um Vertraulichkeit. Ich erläutere ihm: Ebenso wie die Verlagerung der Judaistik von Frankfurt nach Marburg ein Fehler war, der schleunigst korrigiert werden musste, so sei das Osteuropazentrum in Gießen hochschulpolitisch sinnlos. Ich nenne alle Gründe und auch die Tatsache, dass die verbliebenen drei Studenten der Osteuropäischen Geschichte in Gießen mittlerweile bei mir in Marburg Examen machten. Darüber hinaus habe sich nicht eine einzige Stimme für Gießen ausgesprochen, aber zahlreiche Stellungnahmen warnten vor der Verlagerung.

Der Minister bleibt hart. Er könne seine Konzepte nicht mit jedem Professor diskutieren. Dann macht er mir einen Vorschlag: „Wir beide“, sagt er, „wir fahren zusammen nach Osteuropa.“ Ich sei doch Spezialist für die Russische Revolution. Dort solle ich Vorträge halten, und dann solle ich mal sehen, wie die Studenten nach Gießen kämen! Ob er auch an die deutschen Studenten denke? Natürlich, die kommen sowieso. Und dann sagt der Minister plötzlich: „Wir sind doch alle eitel. Wir wollen alle Erfolg. Wissen Sie, Wissenschaftsminister will ich eigentlich nicht bleiben, ich habe andere Pläne.“ Danach wird er privat. Das Gespräch über die Zentren strengt ihn an. Minister Corts sagt zu, ich könne in Marburg bleiben.

Ein Plan von 1995

Ein zweites Treffen, anwesend ist auch Frau Völker, Abteilungsleiterin. Anlässlich meines Rufes nach Marburg hatte ich dem Ministerium, vertreten seinerzeit durch Frau Völker, vorgeschlagen, dort ein Osteuropazentrum zu gründen. Leider stieß das auf wohlwollendes Desinteresse. Wenn schon der Präsident und der Minister nicht die Gründe für Gießen nennen können, dann vielleicht Frau Völker? Es gebe einen Plan von 1995, aber was darin steht, will sie nicht genauer mitteilen. Der Minister ist jovial, er ruft den Gießener Hochschulpräsidenten an und diktiert ihm, mich dort bestens auszustatten. Ich erläutere noch einmal, warum Gießen eine Fehlentscheidung ist und erinnere ihn an sein Wort. Am Ende stimmt er im Beisein von Frau Völker zu, ich könne in Marburg bleiben. Aber er möchte Ruhe in dieser Sache.

Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) findet in Marburg statt. Vertreter der Marburger Universität sind keine gekommen. Die Präsidentin der DGO, Rita Süssmuth, kritisiert die Zentrenbildung. Während der Debatte bitte ich Staatssekretär Leonhard, den anwesenden Kollegen, die zu einem großen Teil gegen die Verlagerung protestiert hätten, zu erläutern, warum das Ministerium nicht auf die Fachleute hören wolle. Das Ministerium höre auch bei anderen Gelegenheiten nicht auf Fachleute, lautet die Antwort.

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