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Hochschulen : Wie ein Studienort zerstört wurde

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Kein Platz für „kleine“ Fächer

In Marburg schlagen unterdessen die Wellen hoch. In einer öffentlichen Anhörung muss sich Präsident Nienhaus von aufgebrachten Studenten, die nicht nach Gießen wollen, anhören, er sei ein Lügner. Ob er sein persönliches wissenschaftliches Interesse am Vorderen Orient kraft seines Amtes und des hessischen Hochschulgesetzes durchzusetzen gedenke, wird er gefragt. Nienhaus, der Spezialist für islamische Wirtschaft ist, weist das als Unterstellung zurück. Die „kleinen“ Fächer könne sich die Universität nicht leisten, sagt Nienhaus. Ob sich die Universität ein gegenwartsbezogenes Orientzentrum, für das es in Marburg bisher weder Studenten noch Bücher noch Professoren gebe, leisten könne? Der Präsident bejaht. Ob er die hervorragenden Beziehungen der Marburger Universität zu polnischen, tschechischen und russischen Partnern aufs Spiel setzen wolle?

Die Abschaffung der Fächer, die sich mit Sprache, Geschichte und Kultur dieser Länder befassen, sei nicht das Ende der Beziehungen, sagt der Präsident. Dass der Begründer der Moskauer Universität, Michail Lomonosov, einst in Marburg studierte, sei „nicht wichtig“. Ob es ihn interessiere, dass eine von ihm eingesetzte Kommission zur Erarbeitung der Stärken der Universität Marburg „Osteuropa“ als einen der Kerne der Universität bezeichnet habe? Und wie solle man in Gießen ordentlich studieren, wenn es dort höchstens ein Zwanzigstel der Bücher gebe? Für das Studium, so der Präsident, brauche es nur eine kleine Handbibliothek. Er wird aufgeklärt, geisteswissenschaftliche Ausbildung funktioniere so nicht. Kurz darauf behauptet er dasselbe noch einmal. Diesmal erläutert eine Studentin, wie es sich verhält. Seitdem sagt er es nicht mehr. Einige Studenten können in Gießen ihre Fächerkombinationen nicht weiterstudieren. Dann sollen sie doch was anderes studieren, rät der Präsident.

Dritter Akt: Der Minister will Ruhe. Inmitten der Auseinandersetzungen muss ich als Dekan meinen Präsidenten wegen der Fachbereichsfinanzen ansprechen. Das Stichwort Osteuropazentrum bringt ihn plötzlich in Fahrt. Ich sei zu weit gegangen, als ich per Email Kollegen im In- und Ausland gebeten hätte, sich für den Erhalt meines Faches in Marburg einzusetzen. Das werde disziplinarische Konsequenzen haben. Ich hole Rechtsauskunft ein: Die Drohung sei als Einschüchterungsversuch zu werten. Ich frage ihn, wie er es sich vorstelle, Professoren an Universitäten zu versetzen, an denen sie drastisch verschlechterte Lehr- und Forschungsmöglichkeiten vorfinden. Er verweist auf die Entscheidung des Ministeriums. Der Minister jedoch schreibt mir: „Die Organisation der Fächer im Rahmen der Zentrenbildung ist Aufgabe der Universitäten.“

Ob es sinnvoll sei, zusätzlich das gut funktionierende Japanzentrum in Marburg zu zerstören, nur für ein Orientzentrum auf der grünen Wiese, wird er gefragt. Das Japanzentrum werde nicht zerstört, sagt er. Die betroffenen Japanologen und die etwa zweihundert Studenten sehen das ganz anders. Als er in einer öffentlichen Veranstaltung wieder einmal nicht begründen kann, warum die Osteuropafächer nach Gießen sollen, sagt er, man könne ihn ja abwählen, seine Pension sei ihm allemal sicher. Der Senat beschließt, die Osteuropäische Geschichte so lange nicht zu versetzen, bis die Bedingungen in Gießen und Marburg gleich sind. Der Präsident versetzt dennoch. Das Hochschulgesetz erlaubt es.

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