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Hochschulen : Warum nicht eine TU Bonn?

Kleine Fächer werden es an der Uni Bonn in Zukunft besonders schwer haben, denn es muss gespart werden Bild: Getty Images

Wie an Hochschulen gespart wird, das kann man dieser Tage an der Universität Bonn gut beobachten. Der Philosophischen Fakultät geht es an den Kragen.

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          An der Universität Bonn muss die Philosophische Fakultät etwa 1 bis 1,5 Millionen Euro einsparen. Nordrhein-Westfalen hat die Studiengebühren abgeschafft, die Doppeljahrgänge sind da, es fehlt ohnehin Geld, man engagiert sich in Exzellenz und so weiter. Je nachdem, wen man fragt, woher der Mangel stammt, bekommt man andere Antworten. In Stellen heißt das jedenfalls: etwa 39 Stellen müssen den zehn Fächern der Bonner Geisteswissenschaften genommen werden, was von 2013 an in fünf Jahren geschehen soll. Schon im zurückliegenden Jahrzehnt, beklagt das Bonner Studentenparlament, seien die Lehrstellen der Fakultät von 480 auf 380 zusammengestrichen worden.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Der Dekan der Philosophischen Fakultät, der Romanist Paul Geyer, will die Sparlasten nun möglichst gleichmäßig auf alle Institute verteilen. Verständlicherweise: Diskussionen - Was wollen wir? Und: Wer ist „wir“? - werden so entbehrlich. Außerdem folgt das Sparen an Universitäten zumeist der Regel „Was frei wird, kann konfisziert werden“. Darum sind vor allem Fächer schlecht dran, die erstens klein sind und zweitens von älteren Lehrstuhlinhabern vertreten werden, auf deren freiwerdende Positionen am schnellsten zugegriffen werden kann.

          Die Slawistik wird nach und nach ausgelöscht

          In Bonn sind insbesondere bedroht die Mongolistik, die Keltologie und die Osteuropäische Geschichte. Der Studiengang der Slawistik ist in Bonn schon vor längerem eingestellt worden, jetzt soll es zur Abschaffung des gesamten slawistischen Seminars kommen, samt Bibliothek. Die Abteilung für Slawistik, die nach wie vor Sprachunterricht und Seminare für die verbliebenen Studenten anbietet, wird dabei in einem Moment abgeschafft, in dem nicht nur eine Stiftungsprofessur eingeworben wurde, sondern sich auch außerordentlich viele Anfänger für den Russischunterricht anmelden. Ähnliche Entwicklungen verzeichnet die Abteilung für Slawistik beim Polnischen. Da auch die Universität Bielefeld in den neunziger Jahren ihren Lehrstuhl für Slawistik gelöscht hat, werden in Nordrhein-Westfalen gerade noch drei Universitäten diesen riesigen Sprachraum abdecken: Bochum, Köln und Münster. Damit nähert sich die Slawistik der Größe von Fächern wie Mittellatein, Niederlandistik und Gender Studies.

          Das kann man der Kartierung entnehmen, die gerade von der „Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer“ vorgenommen wurde, um die Situation dieser vom Exzellenzbetrieb und der Bologna-Studienreform besonders heimgesuchten Spezies sachlich darzustellen. Besonders heimgesucht: weil sie eigene Großforschung naturgemäß nicht organisieren können und ihr Lehrpersonal oft nicht einmal ausreicht, unter den Bedingungen von „Bologna“ einen eigenen, für jedes Studienalter separate Veranstaltungen anbietenden, Studiengang einzurichten. Das Projekt der Hochschulrektorenkonferenz gibt seinen Abschlussbericht zur Lage der kleinen Fächer am 2. Dezember auf einer Berliner Tagung.

          Im Hintergrund der Bonner Spardebatten steht zum einen die hochschulpolitische Gedankenlosigkeit, die oft gerade den Umgang mit kleinen Fächern charakterisiert. Der Lobbyismus der großen kommt hinzu. Studiengänge wie Erziehungswissenschaft, Jurisprudenz oder Betriebswirtschaftslehre gelten als bedeutend und standortsichernd. Dass aber Erkenntnisgewinne über Russland oder Polen und das entsprechende Sprachvermögen aus denselben Gründen und oft sogar mit größerem Recht wünschenswert sind, das spielt in den ausschlaggebenden Diskussionen offenbar kaum eine Rolle. Man könnte statt „Slwaistik“ an dieser Stelle auch Sinologie oder Indologie einsetzen, am Befund würde es gar nichts ändern. Nur die Islamwissenschaften haben es seit der universellen Gesamtverschreckung nach 2001 etwas besser, was aber als blinder Reflex hochschulpolitisch genau so unverständig ist.

          Allein eine solche Idee wäre Aberwitz

          Zum anderen spielt in Bonn auch die Exzellenzinitiative eine Rolle. Auf einer Fakultätsratssitzung der Philosophischen Fakultät hat, dem Vernehmen nach, ihr ehemalige Dekan, der Historiker Günther Schulz, über universitätsinterne Diskussionen im Gefolge der Exzellenzinitiative berichtet, die Universität Bonn in eine Art Technische Hochschule umzubauen. Nur das Dekanat und der Bonner Rektor, der Germanist Jürgen Fohrmann, hätten dies - und die dann folgerichtige strategische Schrumpfung der Geisteswissenschaften - verhindern können, weswegen jetzt umgekehrt das Dekanat keine Studentenproteste gegen das Rektorat unterstützen könne.

          Allein schon wenn eine solche Idee von der Technischen oder Wirtschaftsuniversität Bonn aufkommen konnte, wäre das ein Aberwitz. Die Bonner Universität gehört, was ihre Geisteswissenschaften angeht, zu den traditionsreichsten Hochschulen des Landes. Mag sein, dass manches davon Vergangenheit ist. Doch dann schuldete diese Universität ihrer Tradition, das zu ändern und um solche Änderungen zu kämpfen. Auch gegen das Land. Es gibt unter allen Pflichten die gegenüber sich selbst.

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