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Hochschulen : Einmal Leipziger Einerlei mit ’nem Kölsch

  • -Aktualisiert am

Neo Rauch hat sich verabschiedet Bild: dpa

Muss ein Kunstprofessor Deutsch können? Im heftigen Streit um die Nachfolge auf der Malereiprofessur von Neo Rauch geht es um Ästhetik, Kunstformen und einen klaren Ost-West-Gegensatz.

          Es gab in der Vergangenheit Momente, da verortete man den Hochschulprofessor Neo Rauch in einem geistigen Schützengraben, um von dort die Feinde der Leipziger Malerei abzuwehren. Er kannte diese Begabungen, die ihre Kunst aus der Steckdose bezogen, und schaute in Gesichter, die von Übelkeit gezeichnet waren. In diesen Momenten sagte er Sätze wie: „Ihr habt euch lange noch nicht ausgeekelt von dem, was ihr beschlossen habt, nicht zu mögen, weil es für euch eine lästige Konkurrenz ist. Da zieht noch manches am Horizont hoch, was euch noch das Fürchten lehren wird.“ Man fragte sich dann immer, welche Bedrohung der Kämpfer Rauch da vernahm und ob er nicht auch ein wenig übertreibt.

          Gut ein Jahr später ist der berühmteste Vertreter der Neuen Leipziger Schule kein Professor mehr, und überall darf er nun Todesanzeigen lesen, die das Ende jener figurativen Malerei verkünden, wie sie von Heisig, Mattheuer, Rink und nicht zuletzt von Rauch in Leipzig geprägt wurde. Vom frischen Wind wird in rheinischen Blättern geschrieben, der nun endlich auch die Hochschule für Grafik und Buchkunst durchwehen müsse. Und der kann natürlich nur aus dem Westen blasen.

          Was war passiert? In einem Gespräch mit dieser Zeitung (Der Künstler und Professor Neo Rauch über das skandalöse Mittelmaß an deutschen Hochschulen) hatte Neo Rauch im vergangenen Sommer angekündigt, seine Professur aufzugeben, weil der Betrieb einer Kunsthochschule, die auf Masse denn auf Elitenausbildung setzte, nicht mit seinem eigenen malerischen Tun in Einklang zu bringen war. Rauch bekannte sein Scheitern an den Strukturen, bot eine Meisterklasse für fünf Studenten an und machte sich mit Mandat des Rektors auf die Suche nach einem Nachfolger. Der grandiose belgische Maler Michaël Borremans schien ihm ebenso tauglich wie Daniel Richter oder Peter Doig, wobei Letzterer schon „unter der Haube“ war. Rauch schied im Februar dieses Jahres mit dem Satz: „Die Schule muss Bedingungen schaffen, damit es nicht der Kollege Pickelhuber aus Kleinkleckersdorf sein wird, der den Glanz des Hauses mehrt.“

          Neuer Herr im Haus: Heribert C. Ottersbach

          Intrigen, Indiskretionen und Ignoranz

          Inzwischen steht mehr als nur der Glanz der Leipziger Hochschule auf dem Spiel. Rektor Joachim Brohm hat nach einem verkorksten Findungsverfahren, das von Intrigen, Indiskretionen und Ignoranz geprägt war, den Kölner Maler Heribert C. Ottersbach als Rauchs Nachfolger berufen. In Leipzig führte das inzwischen zu schweren Protesten, die von Neo Rauch und den Seinen, darunter Arno Rink, Timm Rautert, David Schnell, Matthias Weischer und Tilo Baumgärtel, angeführt werden. Studenten, Absolventen, Professoren und ehemalige Hochschullehrer eint die Kritik an einem Auswahlprozess, der unter Ausschluss der Hochschulangehörigen stattgefunden haben soll. Auch wenn sich der Rektor den Vorwurf der „Vetternwirtschaft“ nicht gefallen lässt und den Freund Ottersbach in einem demokratischen Verfahren zur Berufung gebracht haben will, so wirkt es nachgerade absurd, dass Borremans abgelehnt wurde, weil er „des Deutschen nicht hinreichend mächtig ist“. Als wäre das an deutschen Kunsthochschulen je ein Einstellungshindernis gewesen. Was schwerer wiegt, ist der Vorwurf der Rauch-Truppe, mit Ottersbach komme nun der dritte von vier Malereiprofessoren aus Köln, und alle drei neigen eher der konzeptuellen Malerei zu. Die die Leipziger Schule nie liebten, rufen jetzt ihr Ende aus, sehen nurmehr Epigonen und finden nichts dabei, wenn die „Sonderstellung“ aufgegeben werden sollte.

          Es kann schon sein, dass, wie es Arno Rink vermutet, aus einer Kunst- eine Medienhochschule wird. Allerdings darf man durchaus mehr Selbstbewusstsein erwarten. Leipzig ist Leipzig, so wie Düsseldorf Düsseldorf ist. Als dort der vormalige Rektor Markus Lüpertz den berühmten Fotografiebereich, die „Becher-Schule“, austrocknen wollte, gingen Hilla Becher, Thomas Ruff und Andreas Gursky ebenso auf die Barrikaden wie jetzt Rauch & Co.

          Bilder und Geschichten

          Und so geht es auch in Leipzig um einen Richtungsstreit, um Überlegenheit von Disziplinen und kräftig auch um Ost gegen West. Natürlich war Neo Rauch in Professorengestalt ein wenig auch ein Zerberus für die Schule und ihre Ausrichtung. Dann warf er die Krone hinter sich und trat als Kritiker des neuen Königs auf, was immer schlecht ankommt. Niemand jedoch spricht darüber, dass Rauch auch klare Mängel im Kunsthochschulsystem an sich diagnostizierte: zu große Klassen, zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie, zu viel Mittelmaß. Das war die Malaise, die Neo Rauch weggetrieben hat.

          Spricht man mit seinen Studenten, so zeichnen sie gern das Profil eines Lehrers, der im Einzelunterricht dazu anregte, in Bildern und Geschichten zu erzählen. Ob romantisch oder surreal. Das ist die Leipziger Schule. Und das soll nun vorbei sein? Der „Diskurs über die Möglichkeiten der Malerei von heute“, wie es Heribert Ottersbach formuliert, hat erst begonnen. Und wer sagt denn, dass Leipzig darin untergehen muss? Mit dem Kämpfer Rauch und seinem Bataillon wird zu rechnen sein: „Da ist vieles im Busche und wird auch ohne mein direktes Mitwirken weiterhin zu erwarten sein.“

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