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Hirnforschung : Der süße Geschmack des Sieges

Dass das Gehirn bei der Auszahlung satter Sonderprämien große Aktivität zeigt, konnte man sich denken. Bemerkenswert aber, was jetzt eine Bonner Forschungsgruppe herausfand: Ein Feuerwerk meldet der Hirnscanner, wenn die eigene Belohnung größer ist als die für den Kollegen.

          Eine satte Sonderprämie, die überraschende Weihnachtsgratifikation beispielsweise, eine üppige Leistungsprämie oder ein Zuschlag auf das Gehalt ist gut fürs Gemüt und entfacht offensichtlich auch im Belohnungszentrum des Gehirns ein gewaltiges Feuerwerk. Besonders dann, wenn der Kollege nebenan nicht in den Genuss der Prämie kommt. Die Wichtigkeit dieses Konkurrenzdenkens hat man jetzt herausgefunden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine ungewöhnlich zusammengesetzte Bonner Forschergruppe, an der neben dem Epilepsieexperten Christian Elger und den Kognitionsforschern um Klaus Fliessbach und Bernd Weber vom „Life and Brain Center“ auch der Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk beteiligt ist, hat sich in Hirnstudien über die Motivationsmuster des „Homo oeconomicus“ Klarheit zu schaffen versucht. Achtunddreißig Männer wurden in Paare aufgeteilt und jeweils Seite an Seite gleichzeitig, aber in separaten, nebeneinander aufgestellten Kernspintomographen vor die Aufgabe gestellt, die wechselnde Zahl von Punkten auf einem Bildschirm abzuschätzen. Für richtige Schätzungen wurden sie belohnt: Zwischen dreißig und 120 Euro gab es zu verdienen. Während die Probanden die Aufgaben lösten und vor allem danach, wenn sie die Prämie erhielten und etwaige Auszahlungen an den Mitbewerber nebenan beobachteten, wurde mit funktionellen Kernspinaufnahmen die Durchblutung und damit die Aktivität verschiedener Hirnregionen ermittelt.

          Wenn der Kollege versagt

          Im Mittelpunkt stand dabei ein Hirnabschnitt, der als Striatum bekannt ist. Schon in früheren Experimenten war klar herausgekommen, dass diese Region als wichtiger Teil des sogenannten Belohnungszentrums bei der Verarbeitung von Gewinn-und-Verlust-Signalen eine zentrale Rolle spielt. Zum Beispiel hatte man herausgefunden, dass - entsprechend der ökonomischen Theorie - die positiven Impulse im vorderen Abschnitt dieser Hirnregion, dem ventralen Striatum, mit der Höhe einer Gratifikation zunehmen.

          Möglicherweise noch entscheidender jedoch als die Höhe der eigenen Prämie ist nach Meinung der Bonner Forscher die Frage, was der Kollege nebenan leistet und wie viel er an Prämie erhält. Wie die Wissenschaftler in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ berichten, beobachtet man große Aktivität im Belohnungszentrum, wenn der Kollege versagt und gar nichts bekommt. Lösten beide die Aufgabe gleich gut und wurde beiden die gleiche Prämie zugesprochen, war die Aktivität im Striatum zwar erhöht, blieb aber, so die Forscher, „moderat“. Wenn allerdings einer der Probanden für die Lösung einen Zuschlag bekam, etwa 120 Euro statt der sechzig Euro, die dem Kollegen für die gleiche Leistung zugesprochen wurden, registrierten die Forscher in dessen Hirnscanner ein regelrechtes Feuerwerk. Gleichzeitig war bei dem dadurch offenkundig gedemütigten und wenig begeisterten Kollegen ein deutliches Abflauen im Belohnungsareal festzustellen.

          Jemanden auszustechen, der „süße Geschmack des Sieges“, wie die Forscher schreiben, sei für motivationsfördernde Hirnprozesse anscheinend ebenso wichtig wie die Belohnung an sich. Was aus solchen „sozialen Vergleichen“ freilich für die Aussichten auf ein friedliches Miteinander folgt, wird damit nicht beantwortet.

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